
Wenn ich meine langen Haare eines Tages wieder abschneide, dann doch so, oder? Sieht das amerikanische Model Karlie Kloss (Jahrgang 1992! Hilfe!) nicht super aus?
Nicht, dass ich ernsthaft über einen Friseurbesuch nachdenken würde, so ewig hat es gedauert, bis meine Strieselsträhnen es über die “Schulterabschleiflänge” hinübergeschafft hatten. Bei dieser unglücklichen Übergangslänge schaut man monatelang aus wie ein Horst und muss dann auch noch damit leben, dass die Haarspitzen ewig nicht weiterwachsen, weil sie auf den Schultern aufliegen und sich dort täglich ein winziges bißchen “abschleifen”, wie mir ein Friseur einmal berichtete. Kann auch alles völliger Unsinn sein. Mein Friseur erzählt viel, wenn er gelangweilt ist, weil er schon wieder nichts aufregendes schneiden darf. “Wusstest Du schon, dass es für jeden Menschen eine Haar-Maximal-Länge gibt”, behauptete er allen Ernstes, als ihn das winzige bißchen Spitzen schneiden, wofür ich in seinen Salon gekommen war, schon wieder maßlos unterforderte. Und wenn man diese erreicht habe, würde das Haar einfach nicht mehr weiterwachsen. Der Mann machte mir Angst. Doch, doch, das sei wirklich so. Könne ich ruhig glauben. Er habe eine Kundin, bei der passiere gar nichts mehr, ihr Haar würde seit Jahren einfach nicht weiterwachsen. So sehr sie sich das auch wünsche. Tolle Kopfmassagen, megateures Haaröl “for the roots” aus Amerika, ein Besuch beim Hautarzt mit Spezialisierung auf Haare: hätte alles rein gar nichts gebracht.
Eine Haar-Maximal-Länge? Gibt´s die wirklich? Das hat mich noch wochenlang beschäftigt, so wahnsinnig gern wollte ich doch mal wieder lange Haare haben. Bis zu meinem sechzehnten Geburtstag waren sie noch strohblond und ganz lang. Und auch viel dicker als heute. Damals fand ich meine lange Mähne allerdings einfach nur langweilig und brav. Mit sechzehn geht man ja immer davon aus, dass schöne Haare, straffe Haut und perlweiße Mäusezähnchen ganz einfach zur Grundausstattung gehören. Ich dachte, mit diesen Features wäre man halt einfach auf Erden angeliefert worden, das sei ja wohl eine Selbstverständlichkeit und müsse einen nicht weiter begeistern. Und so frisch aus dem Werk kam mir die Vorstellung auch völlig absurd vor, dass einige meiner (Bau-)Teile in Zukunft gut gepflegt werden oder mal einer Inspektion unterzogen werden müssten, um nicht als vollschrotter Totalschaden vorzeitig aus dem Verkehr gezogen zu werden.
Mitte der Neunziger fand ich mich viel zu spießig. Die blonden, langen Haare, die ich seit dem Kindergarten so trug, sollten dringend runter. Aus heutiger Sicht eine klare Rebellion gegen meine Eltern, die das Haare abschneiden bis dato verboten hatten. Auch wollte ich mit sechzehn dringend so cool sein wie meine erste große Jugendliebe, ein Neunzehnjähriger aus meiner Schule, ein Kerl mit wunderschönen Augen und grün-gefärbten, kurzen Dreadlocks. Er war Schlagzeuger in einer nordfriesischen Punkband, stand kurz vor dem Abitur und hatte als Wahlfach freiwillig den Leistungskurs Chemie gewählt, was mich damals schwer beeindruckte. Als er eines Abends in seiner WG vorschlug, wir könnten doch diese Dose mit blauer “Directions Colour”, die er noch da hatte, einfach mal auf meine blonden Haare tun, war ich gleich hellauf begeistert. Ich legte die angebissene Scheibe Dinkelschrotbrot mit veganer Zwergenwiese-Paste zurück auf meinen Teller und rief vom Festnetztelefon (es waren die letzten Jahre ohne Handys) sofort bei meinen Eltern an, um die “Aktion” anzukündigen. Meine Mutter kreischte, mein Vater solle sofort an den Apparat kommen, das könne ja wohl jetzt nicht wahr sein. Mein Vater nahm den Hörer in die Hand, blieb erstaunlich ruhig und erzählte, um ein wenig Zeit zu schinden, dass er meine Großeltern mit seiner langen Haarmatte Anfang der Siebziger ganz schön in den Wahnsinn getrieben hätte, ob ich mich an die alten Fotos von ihm in seinem ersten eigenen Wagen erinnere. Dann überlegte er kurz, es knackte ein bißchen in der Leitung, weil das Glasfaserkabel am Telefon meiner Eltern vom vielen Einklemmen in unsere Badezimmertür schon etwas überstrapaziert war. Ich verbrachte damals viel Zeit im hellblaugekachelten Badezimmer im Erdgeschoss unseres Hauses, um nach der Schule mit meiner besten Freundin zu telefonieren und stundenlang all das nochmal durchzuquasseln, was wir eigentlich gerade erst im Schulbus hinreichend besprochen hatten.
Während ich in der winzigen Diele meines Freundes den Telefonhörer in der Hand hielt und die Plakate seiner Punkkonzerte durchzählte, die die rotgestrichenen Wände schmückten, ahnte ich, dass dies einer der wenigen Momente war, in denen mein Vater pädagogisch wirklich nicht weiterwußte. Er entschloß sich für den Waffenstillstand: ich sei jetzt alt genug und solle selbst entscheiden, was ich für richtig halte, sagte mein Papa. Aber damit eins mal klar sei: okay fänden Mama und er es nicht, wie das jetzt gelaufen sei, einfach übers Telefon und so.
Die blaue Farbe in den langen, strohblonden Haaren kam in der Schule irre gut an und wurde im Unterricht sogar von mehreren Lehrern kurz thematisiert. Heute denke ich, dies geschah ganz sicher nur, um meinen Mitschülern im Klassenzimmer zu suggerieren: sooo rebellisch ist das jetzt auch wieder nicht, wir reden ja alle ganz locker drüber und das muss auch deshalb gar nicht erst groß nachgemacht werden. Ich kam mir natürlich trotzdem supercool vor. Was mir niemand gesagt hatte: nach zwei Haarwäschen wurde aus der knalligen Punk-Farbe auf dem Kopf ein ganz häßliches Matschegrau. Die Duschkabine bei uns zuhause im Kinderbadezimmer im ersten Stock war völlig vollgesaut, nach jeder Haarwäsche musste ich die blaue “Directions Colour” mit Viss von den Fliesen und Fugen schrubben. Das Zeug war hartnäckig und ging gar nicht mehr runter. Irgendwann reichte es mir. Man hat ja als Teenager noch anderes zu tun, als auf allen Vieren in der Dusche rumzuschrubben.
Fünf Tage nach der Färbeaktion schnappte ich mir ein “Jetzt”-Magazin, schnitt ein Foto von Chloë Sevigny aus und sagte dem Friseur, er solle mir bitte exakt die Kurzhaarfrisur aus dem Film “KIDS” von Larry Clark schneiden. Und wenn dies nicht ginge, dann wenigstens den “Pixie” von Meg Ryan in “E-Mail für Dich”. Dass Meg Ryan eine extrem lockige Haarstruktur hat und ich eine extrem glatte, darüber machte ich mir damals gar keine Gedanken. Am Ende sah ich auch tatsächlich ein bißchen so aus wie meine damalige Lieblingsschauspielerin Chloë Sevigny. Dies bildete ich mir zumindest sehr stark ein. Ich ließ mir noch ein “Out of bed”-Haargel andrehen, bezahlte achtzehn Mark und verließ überglücklich den Friseursalon “Haar genau” in der Husumer Neustadt.
Als ich abends um sechs mit dem letzten Linienbus, der aus der Kreisstadt in mein nordfriesisches Dorf fuhr, zuhause eintraf, waren meine Eltern und die jüngeren Brüder sprachlos. Anfang der Woche noch blaue Haare, jetzt die Kurzhaarfrisur. Hinten im Nacken war sogar ein bißchen rasiert worden. Meine Mutter ging schnell ins Badezimmer, um sich eine Wimper aus dem Auge zu wischen. Mein Vater sagte noch irgendwas über Langhaar-Frisuren in den Siebzigern. Und dann gab´s Abendbrot. Es wurde der fachlich gut gemachte Haarschnitt des Husumer Friseurs sehr gelobt und irgendwer am Tisch sagte, kurzes Haar würde mir ja tatsächlich ein bißchen stehen. Was sollte man auch sagen, die langen Haare waren ja jetzt ab und die Restfarbe wuchs anschließend noch monatelang häßlich grau-blau aus. Mehr Punk und Teenager-Rebellion -man denke nur an den Trend zum Nasen-, Augenbrauen- oder Zungenpiercing – all das traute ich mich nach der Aktion mit den Haaren dann lieber nicht mehr. War im Nachhinein vielleicht auch besser so.
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