Das Klassentreffen

Wir stehen abends im Bad vor dem Waschbecken. B. putzt seine Zähne, ich verteile Reinigungsmilch im Gesicht. Alle Kinder schlafen.

Er: “Was dagegen, wenn ich morgen Abend Pommes und Fischstäbchen für uns alle mache?”

Ich: “Bist Du irre? Schon vergessen, dass ich im Juni dieses Abitreffen habe? Bis dahin muss meine Haut muss mindestens so leuchten, als wär’ ich gerade von einer zehnwöchigen Detox-Kur aus Bali zurück.”

B. schaut im Spiegel verständnislos zu mir rüber: “Abitreffen?”

Ich: “10 Jahre Abitur, Du weisst schon. Hab’ ich Dir doch erzählt.”

B. schrubbt nachdenklich weiter. Dann nimmt er die Zahnbürste aus dem Mund. “Zehn Jahre? Ganz ehrlich, da kann doch jetzt was nicht ganz stimmen…”

Ich: “Weshalb denn nicht? ‘Türlich stimmt das!” Werfe mir hektisch mit den Händen etwas Wasser ins Gesicht, um Zeit zu gewinnen.

Als ich fertig bin: “OK, dann sind es eben keine zehn Jahre.” Ich drehe das Wasser ab. “Ist doch auch vollkommen wurscht”, sage ich, bevor ich mein Gesicht in einem frischen, weißen Handtuch abtrockne. “Worauf ich hinauswollte: ich muss bis dahin jedenfalls spektakulär aussehen!” Das Handtuch ist jetzt voller schwarzer Maskara-Flecken.

Er grinst ein weißes Zahnpastaschaumgrinsen. “Aber du siehst doch immer spektakulär aus.”

Wir schauen beide auf meine ölig-schwarz verschmierten Pandabärchen-Augen.

Ich: “Also, das ist jetzt glatt gelogen.” Öffne die Badezimmerkommode und krame Wattepads und Gesichtswasser heraus, um mir die Pandabärchen aus dem Gesicht zu schrubbeln.

“Jetzt mach’ Dir doch nicht so einen Stress.” B. hält seine Zahnbürste unter den Wasserhahn. “Die anderen sind doch in den letzten Jahren auch etwas…”, er schaut vorsichtig zu mir rüber, “…älter geworden.”

“Ist mir vollkommen wurscht, wie alt die anderen aussehen. Um DIE geht es doch gar nicht.” Ich werfe die schmutzigen Wattepads in den kleinen Mülleimer. “Es geht um mich. Um das, was ICH mal war. Und um das, was heute eigentlich noch von meinem früheren Selbst noch übrig ist.” Theatralisches Schweigen.

B. lacht. “Sorry, aber da komm’ ich jetzt gerade nicht mehr ganz mit. Aber sieh’ es doch mal so. Ihr trefft Euch doch eh tagsüber, oder nicht? Das wird sicher total lustig. Es gibt bestimmt ein bißchen Kaffee und Kuchen, jemand zeigt Fotos von früher, vielleicht schaut noch ein Mathe-Lehrer vorbei …”

Ich: “Das ist ja das Problem! Tagsüber sieht man doch noch beschissener aus. Wenn es dann auch noch regnet, sehe ich auf diesem ollen Molkerei-und-Käse-Hof, auf dem wir uns treffen, doch mindestens so aus, als wär’ ich knapp unter hundert.”

“Also, ich mach’ dann morgen die Fischstäbchen und die Pommes.” B. dreht sich um und geht durch die Badezimmer-Tür in die Diele.

“Hast Du denn keine Angst,” rufe ich hinterher, “dass ich da auf eine Jugendliebe treffe, mit der ich nach der Feier sofort Sex haben und ein neues Leben beginnen will?”

B. bleibt stehen. “Du meinst, so, wie L. das neulich passiert ist?”

Ich: “Genau!” L. hatte auf einem Abitreffen mit einem alten Schulfreund wiedergetroffen, mit dem sie sich auf Anhieb so gut verstand, dass er innerhalb von ein paar Tagen seine Frau verließ und die Scheidung einreichte, um mit L. zusammenzukommen. Beide sind sehr glücklich miteinander.

“Dass auf diesen Klassentreffen einige sofort miteinander abstürzen, ist doch klar”, sage ich. “Endlich trifft man mal auf Leute, die einen noch aus einer ganz anderen Zeit kennen. Einer Zeit, in der alle Freunde…”, meine Stimme klingt jetzt etwas brüchig, “… nach der Schule noch MTV geguckt haben. Und wenn jemand von uns Geburtstag hatte, musste man sich mit Leuten noch auf eine Platte einigen, die einer von uns dann nachmittags für bei Karstadt besorgt hat. Heute schenkt man sich nur noch ein Guthaben für den App-Store oder einen dusseligen Amazon-Account.”

Mit Schwung schiebe ich die Kommode zu. Dabei klemme ich die schlauchartige Tüte mit den Wattepads ein. Ein paar Pads fallen aus der abgeknickten Tüte auf die Fliesen. “Würde mich wirklich null wundern, wenn sich auf dem Abitreffen einige fragen, wer denn eigentlich diese übernächtigte Stressbacke ist. Diese Person mit den fettigen Haaren und der grauen Haut, die den Kindern zuliebe ständig Fischstäbchen mit Pommes essen muss und die perfekte Assi-Mami fürs Privatfernsehen abgäbe.” Ich kratze ein paar festgetrocknete Zahnpastaspritzer vom Spiegel. “Vielleicht rufe ich morgen direkt mal bei RTL2 an. Könnte mir vorstellen, dass die einem noch 150,- Euro für zweieinhalb Sendeminuten mit Fluppe im Mundwinkel bei “Hartes Deutschland – Leben im Brennpunkt” zahlen…”

“Schon gut, ich mach’ uns Spaghetti.” B. kommt von der Diele ins Bad zurück und nimmt mich in den Arm. Er drückt mir einen Kuss auf die hochgeknotete Abschminkfrisur. “Kommst Du jetzt bitte ins Bett. Du baust gerade tierisch ab.”

Ich schalte das Licht aus. “Aber knutschen darf ich auf der Feier schon mal kurz? Muss ja nicht heißen, dass ich gleich mein ganzes Leben über Bord werfe…”

“Also, ich fänd’s krass scheiße,…” B. nimmt meine Hand und zieht mich aus dem Bad. “…aber wenn Du meinst, dass Du das auf dem Käsehof unbedingt machen musst.”

Im stockdunklen Schlafzimmer schleichen wir uns auf Zehenspitzen an unserer leise schnarchenden Tochter vorbei ins Doppelbett. Nachdem wir beide unser Kindle in den Händen halten und ein wenig gelesen haben, flüstere ich zu B. rüber: “Du musst Dir übrigens keine Gedanken machen. Bei Kaffee, Kuchen und Führung durch die Käserei kommt doch eh keine Stimmung auf, in der man unbedingt miteinander rummachen muss.” B. reagiert nicht. Zwei Sekunden später höre ich von seinem Kissen regelmässige Atemzüge, die nur vom leisen Schnarchen unserer Tochter übertönt werden.

Zeichnung: Studio PETERSEN

Winter an der Nordsee

 

 

 

 

 

Stürmische Nordsee im Dezember. Zeichnung: hellopetersen

 

In ein paar Tagen düse ich mit L. an die Nordsee. L. spricht schon seit Tagen von ihrem “Dreifahrrad”, dem Dreirad, dass ihre Oma gebraucht für sie bekommen hat und das L. nach unserem letzten Besuch leider bei Oma zurücklassen musste. Ich kann’s kaum erwarten, ein paar Tage an die Seeluft zu kommen. Ich freu’ mich schon auf die Couch meiner Eltern. Auf Pralinen, Kekse, unschlagbare Kuchen. Auf die zwanzig Zentimeter hohen Torten vom Bäcker aus dem Dorf nebenan. Auf Spaziergänge im Nieselregen und auf die hausgemachten Wiener Würstchen des Landschlachters um die Ecke.

Wenn wir’s vom Sofa in die Garage meiner Eltern schaffen, fahren wir auf jeden Fall mal auf dem Husumer Weihnachtsmarkt vorbei. Der ist zwar nicht groß und auch überhaupt nicht spektakulär (zwei Glühweinstände, ein Schwenkgrill mit Nürnberger Rostbratwürstchen, ein Stand für gebrannte Mandeln und ein kleines Kinderkarusell), hat aber in seiner praktisch-pragmatischen Aufmachung unter uns Nordfriesen einfach Tradition (O-Ton meines Mannes: “So einen winzigen Markt können sich auch echt nur Protestanten in die Stadt knallen.”)

Die meiste Zeit werden wir aber sicher zuhause verbringen. L. wird mit meinen Brüdern von morgens um sieben bis in die Abenddämmerung hinein mit ihrem “Dreifahrrad” den Feldweg hinter unserem Haus unsicher machen, während ich mir mit einem Plätzchenteller auf dem Schoß von meinen Eltern, Brüdern und meiner Schwägerin haarklein alle Szenen aus der Daily-Soap berichten lasse, die in Nordfriesland in den letzten Wochen ohne mit weitergelaufen ist.

Wenige Tage vor Weihnachten werden L. und ich dann alles wieder zusammenpacken und nach Berlin zurückknattern. Im Gepäck: Würstchen vom Landmetzger, Eier aus dem Hühnerstall meines Vaters, Äpfel aus dem Garten meiner Eltern, Stollen und Weihnachtsschokolade für den grauen Restwinter in Berlin. Solltet Ihr am Berliner Hauptbahnhof an meinem Rückreisetag auf eine etwas angestresste Mutter mit einem vollkommen überfrachteten Buggy stoßen, aus dem ein Kleinkind im Schneeanzug verzweifelt nach seinem “Dreifahrrad” ruft: winkt uns mal zu, das sind dann L. und ich!

Habt eine richtig schöne Zeit bis Weihnachten.

Erdbeersommer

 

 

Meine Tage rasen nur so dahin. Kann sein, dass das nur so ein Gefühl ist. Und kann auch sein, dass ich manchmal entschieden zu viele Tassen Kaffee hintereinander wegtrinke. Aber immerhin halte ich mich als Mutter einer noch sehr kleinen Tochter an die von mir selbst aufgestellte Regel “Kein Kaffee nach 15 Uhr”. Jeder Kaffee, den ich mir etwa um 15.02 Uhr mache, führt in meinem Fall nur dazu, dass ich gegen 22.30 Uhr mit weit aufgerissenen Augen im Bett liege, an die Schlafzimmerdecke starre und mich verzweifelt frage, was ich allen achtundneunzig Leuten, die in den nächsten Wochen garantiert etwas für mich besorgen werden, in diesem Jahr eigentlich zu Weihnachten schenken soll.

Immerhin haben wir mit den Kindern schon vier Bleche Plätzchen gebacken. Während die großen Jungs sich routiniert ans Ausstechen machten, gelang es ihrer kleinen Schwester, 1,5 Jahre, mit erstaunlichem Geschick, den plattgerollten Plätzchenteig wieder vom Tisch abzuknibbeln und ihn sich immer dann fäustchenweise roh in den Mund zu stopfen, wenn keiner hinsah, weil wir anderen gerade mit den Plätzchenblechen am Ofen herumrangierten.

Mein Stiefsohn P. verknallte sich in diesem Jahr in die Ausstechförmchen, mit denen er ein großes X ausstechen konnte (siehe Foto oben: Riesen-Keks liegt oben links auf dem Blech). Das X-Ausstechförmchen ist ein Werbegeschenk, das ich vor ein paar Jahren von einem Messeveranstalter zugeschickt bekam, mit dem ich noch nie in direktem Kontakt stand und der mir also auch rein gar nichts sagt, obwohl er mir jedes Jahr aufs Neue schräge Werbegeschenke zukommen lässt, die ich zwei Tage vor Weihnachten in einem vollkommen überlaufenen Spätkauf mit angeschlossener DHL-Paketausgabe abholen muss. Zuhause bin ich beim Auspacken dann immer überrascht, wie sehr die Goodies des Messeveranstalters in die Kategorie “So bescheuert, dass sie als Marketingmaßnahme zur Kaltakquise von Kunden eigentlich nur mit Turboboost nach hinten losgehen können” fallen.

Dieser Messeveranstalter tut mir dann immer ein wenig leid. Ich nehme an, dass er an eine ultramittelmäßige Kommunikations-Agentur geraten ist, die wahrscheinlich ein vollkommen durchgeknalltes Jahresbudget aufruft, und dieses Budget folgendermaßen aufteilt:

98 Prozent: wandern direkt auf das Privatkonto des Inhabers der lausigen Kommunikations-Agentur.

1 Prozent: wird in Form eines untertariflichen Gehalts an die Mitarbeiter ausgezahlt.

1 Prozent: wird für schrottige Werbegeschenke ausgegeben, die sich der Inhaber der lausigen Agentur in Eigenregie ausdenkt, bevor die Mitarbeiter den Krempel über Nacht beschaffen und die DHL ihn dann kurz vor Weihnachten durch die Bundesrepublik zuckeln darf.

Wenn jemand aus dem Team des Messeveranstalters, der mir das X-Plätzchenförmchen schickte, diese Zeilen jetzt also gerade liest, möge er sich doch bitte mal ganz kurz melden. Ich kenne mindestens zwanzig kleine, unfassbar großartige Berliner Agenturen, die ziemlich genau wissen, wie man sich ein richtig gutes Kundengeschenk ausdenkt und es den Kunden im Anschluss auch noch so zukommen lässt, dass sie nicht unbedingt einen halben Tag ihrer Lebenszeit in der Schlange eine müffeligen Berliner Spätis verdödeln müssen.

Eigentlich wollte ich das X-Förmchen damals direkt in die gelbe Tonne werfen. Aber dann dachte ich mir, dass es aus Gründen der Nachhaltigkeit wohl sinnvoll wäre, es zu behalten, worauf ich es in die Schublade zu den Sternen, Tannenbäumen, Rentieren und allen anderen Plätzchenformen legte. Während mein Stiefsohn P., der am Samstag schon zehn Jahre alt wird, eine Menge X-Kekse ausstach, erklärte er mir, dass er das X auch deshalb so “nice” fände (ist ein Wort, das Zehnjährige heute alle zwei Minuten verwenden), weil es ihn an das Album “X” des Musikers Ed Sheeran erinnere.

Ich zuckte kurz zusammen. Das Album “X” beschallte vor ein paar Jahren eine zeitlang nonstop unsere Bude. Und wenn ich mich richtig erinnere, konnten wir damals nicht mal zur Tankstelle, nicht ins Olympiabad, nicht ins “Goodfriends” in die Kantstraße, also nirgendwo hinfahren, ohne, dass uns die Kinder zwangen, auf jeder verdammten Autofahrt die Karre mit der Platte von Ed Sheeran zuzudröhnen. Ich konnte Smash-Hits wie “Afire Love”, “Photograph” und “Nina” damals eine Weile rückwärts, seitwärts, ja, sogar im Handstand mitsingen und war tatsächlich kurz davor, mit der Geschäftsidee des Jahrhunderts reich zu werden:

Ich wollte einen eigenen youtube-Kanal aufmachen und als “Ed Sheeran”-Double grottenschlechte Cover-Versionen seiner bekanntesten Hits auf meinen Kanal hochladen.

Ich hätte definitiv etwas Geld in die Hand genommen, um ein paar Stunden Schauspielunterricht bei einem Schauspiellehrer mit Comedy-Hintergrund zu nehmen, der mit mir an einem leicht näseligen, schwäbisch-englischen Akzent gearbeitet hätte.

Außerdem hatte ich geplant, mir eine Perücke mit rostroter Kurzhaarfrisur aus dem Netz zu bestellen, sie über Nacht in einen Rasensprenger zu hängen und anschließend im Toaster zehn Sekunden anzurösten, bevor ich mit dem Ding auf dem Kopf in die nächstbeste Tram gesprungen wäre, um in einen Second-Hand-Laden zu fahren. Dort hätte ich mir ein Holzfällerhemd und ein T-Shirt mit kryptischem Aufdruck eines mittelmässigen Mediengestalters besorgt, bevor ich mich in einem Laden für Kindergeburtstagsbedarf nach tonnenweise Selbstklebe-Tattos umgesehen hätte. Auf den Tattos, mit denen ich mir zuhause Ed-Sheeran-mäßig die kompletten Arme zugetackert hätte, wären dann zum Beispiel lachende Pommestüten zu sehen, HotDogs, die einander gerade in den Würgegriff nehmen oder kleine Gespenster (<— ich LIEBE kleine Gespenster).

Aus dieser Geschäftsidee wurde leider bisher noch nichts, weil ich die siebenhundert topgeheimen Geschäftsideen, die ich in der Regel in krakeliger Schrift auf siebenhundert einzelnen Post-Its notiere und lose in einer zugemüllten Schreibtischschublade aufbewahre, ja fast nie in die Praxis umsetze. In den meisten Fällen ist es wahrscheinlich besser, aber manchmal eben auch fatal, wenn man bedenkt, wie vielversprechend die Ed-Sheeran-Double-Idee war.

Wenn ich mir vorstelle, dass all diese Firmen, die ihr Produkt supergern in meinen intergalaktisch erfolgreichen Youtube-Videos platziert und mir das Geld aktenkofferweise in die Hand gedrückt hätten, heute zu deutlich weniger talentierten Youtubern rennen, bekomme ich sofort ziemlich schlechte Laune.

Außerdem hätte es schon auch sein können, dass ich irgendwann eine Anfrage aus dem Kanzleramt in meinem E-Mail-Postfach vorgefunden hätte. In der Anfrage hätte man mir möglicherweise angeboten, dass die Bundeskanzlerin mich mal in meinem zum Youtube-Studio umgebauten Gästeklo besuchen könnte. Und darauf hätte ich mich wirklich gefreut. Ich meine: die Bundeskanzlerin! Bei mir zuhause! Im Gästeklo!

Zunächst hätte ich der Kanzlerin vermutlich angeboten, dass wir uns auf einen Kaffee zusammensetzen, ein paar X-Plätzchen mampfen und ein paar Gespenster-Tattoos auf unsere Unterarme kleben. Und hinterher hätten wir vor laufender Kamera zusammen “Tenerife Sea von Ed Sheeran für unsere youtube-Fans einsingen können. Das Knutsch- und Schmuselied würde die Bundeskanzlerin dann in korrekter Stimmlage singen, während ich sie einen Halbtonschritt tiefer begleite, krass dissonant und in einem näseligen Gemisch aus Schwänglisch (Schwäbisch-Englisch).

Egal. Es schlummern ja noch 699 weitere Geschäftsideen in meiner Schreibtischschublade. Vielleicht ziehe ich, wenn ich das nächste Mal meine Hand in die Schublade stecke und auf gut Glück ein Post-It herausziehe, ja die Idee heraus, bei der ich mir überlegt habe, wie unglaublich viel Spaß es machen würde, den ganzen Sommer lang mit einem Merchandise-Stand auf einem Erdbeerfeld herumzustehen.

Auf dem Stand wären die Produkte, also alle T-Shirts, Bettwäsche, Boxershorts, Schlüsselanhänger, Jutebeutel, Kaffeebecher, Strandmatten, Badehandtücher und so weiter, mit (und da kommt ihr jetzt wahrscheinlich NIE drauf!) Erdbeeren bedruckt. Richtig geniale Idee, oder? Ich weiss. Muss man erstmal drauf kommen. Auf dem Stand würde ich zwei Boxen aufstellen und die Erdbeerfelder um mich herum den ganzen Tag mit dem Song “Strawberry fields forever” volldröhnen. Ich würde laut Business-Plan so viel verticken, dass ich höchstwahrscheinlich nur im Sommer arbeiten müsste. Und das allerbeste an meinem Erdbeer-Merchandise-Stand (Namensvorschläge für das Business sind übrigens jederzeit willkommen): ich könnte morgens um zehn die 20-Liter-Glasterrine mit Erdbeerbowle rausstellen und sofort dazu übergehen, sie in Pappbechern an alle Freunde auszuschenken. Könnte ein ziemlich guter Sommer für uns alle werden.

Wieder zurück. Und nichts, wie es war.

Schwupps, hier bin ich wieder, bitte entschuldigt, hier ist EWIG nichts mehr passiert. Mir selbst kommts zwar vor, als hätte ich erst gestern den letzten Post hochgeladen. Aber ihr habt selbstverständlich recht: hier war’s in letzter Zeit mindestens so still, wie in der Kiste mit dem Weihnachtsschmuck, die wir Anfang Januar auf den Dachboden schleppen und bis Ende November komplett sich selbst und den Mäusen überlassen, die hin und wieder den Pappdeckel anheben und im besten Fall nur kurz hineinluschern.

Ich hatte unendlich viele, schöne Ideen für das Blog in den letzten anderthalb Jahren. Aber ich hab’s einfach nicht geschafft, sie hier aufzuschreiben. Im April 2018 kam unsere Tochter zur Welt. Und die Zeit, die mir hinterher noch bleib für Jobs, an denen ich Spaß hatte, für den Petersen-Shop, die Illustrationen und alles, woran ich sonst noch so herumknispeln könnte, wenn ich nicht gerade für irgendeine offizielle Stelle irgendwelche mir aus vollkommen unerklärlichen Gründen verschollene Steuerunterlagen auftreiben muss, nun, diese noch vor anderthalb Jahren gefühlt so unerschöpfliche Zeit schnurrte sich nach der Geburt unseres Babies auf maximal zwei Minuten am Tag zusammen. Gut, sagen wir drei.

Drei Minuten, eine Zeitspanne, in der ich’s nach der Entbindung gerade mal schaffte, mich ich unter die Dusche zu stellen. War ein Tag ohne Haare waschen, versteht sich. Nachdem eine Schwester des Berliner Westend-Klinikums mir an einem sonnigen und unfaßbar warmen Tag im April 2018 wenige Minuten nach Mitternacht ein winziges, knautschiges und überraschend haarloses Bündel auf das verwaschene “Woodstock”-T-Shirt legte, das mein Mann ein paar Wochen zuvor aus Amerika mitgebracht und mir aus irgendeinem Grund im Vorwehenzimmer übergezogen hatte, war alles andere auch erstmal unwichtig. Und so blieb es auch für eine lange Zeit.

Plötzlich war da dieses ganz große Glück. Die stumme Dankbarkeit. Eine unendlichen Liebe. Wenig später hielt eine Schwester meinem Mann im Kreissaal eine kleine Schere ins Gesicht. Er möge doch jetzt gern die Nabelschnur durchtrennen.

Er schaute auf die blutschleimverschmierte Kordel, die dicker, seerosenalgenartiger und etwas schleimiger war, als ich sie mir vorgestellt hatte, und scherzte noch kurz “Muss ich?”, worauf die Schwester ihn dermaßen fassungslos anstarrte, dass er sofort zur Schere griff. In diesem Moment fragte ich mich noch, ob ich wenige Wochen vor meinem achtunddreißigsten Geburtstag überhaupt alt genug sei, um die Verantwortung für ein dermaßen winziges Baby tragen zu können. Beantwortet habe ich mir diese Frage nicht mehr. Wenige Sekunden später übernahm meine Tochter die Regie. Erst über den Kreisssaal, dann über meinen Mann und mich.

Wenige Stunden, nachdem wir mit dem Baby aus dem Krankenhaus abgefahren waren und es uns zuhause gemütlich gemacht hatten, traf dann auch schon exakt das ein, was mir fast alle Mütter im Freundeskreis vorausgesagt hatten: Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen sollten.

“Wart’s ab,”, hatte eine Freundin erzählt, die drei Monate vorher ihr erstes Kind bekommen hatte, “du wirst schon froh sein, wenn du von dem zweiten oder dritten Becher des entkoffeinierten Kaffees, den du dir im Laufe des Tages in der Küche ja immer wieder hoffnungsfroh aufsetzt, wenigstens mal ein paar Schlucke getrunken hast, bevor Du den kalten Rest in die Spüle kippst.”

Andere rieten mir vor der Geburt: “Räum jetzt noch einmal alles auf. Klopp’ deine löchrigen Schlaf-T-Shirts in die Tonne. Mach’ die Steuerunterlagen für die letzten hundert Jahre fertig und gib sie vollständig (!) im Steuerbüro ab. Triff dich mit noch einmal mit allen Freunden. Und allen Bekannten. Oder triff dich mit allen, mit denen du weder befreundet noch bekannt bist, aber die du immer schon ganz gern mal kennengelernt hättest. Geh’ nochmal um Friseur. Lies noch schnell die spannendsten drei der vierzehn Bücher, die ungelesen auf deinem Nachttisch einstauben…”

Über die Ratschläge, die in einem unablässigen Strom auf mich einrauschten (und die ich selbstverständlich für vollkommen übertrieben hielt), war ich im Nachhinein unendlich dankbar.

Und das beste war: vieles schaffte ich vor L’s Geburt tatsächlich noch. Als sie zur Welt kam, hatte ich die Steuer fertig, meinen Kleiderschrank durchsortiert und alle ausgeleierten Schlüppis entsorgt. Ich war noch einmal bei meinem Lieblingsfriseur in der Sanderstrasse (schaffe ich heute leider nicht mehr) und traf mich bei dieser Gelegenheit mit Freundinnen, die in Kreuzberg wohnten (schaffe ich heute leider immer noch so viel seltener, als ich’s mir wünsche).

Ich las Bücher, die sich mit allem anderen befaßten, aber eben noch nicht mit Fragen rund ums Stillen, ums Pucken und um den kryptischen Schlafrhythmus von Säuglingen. Ich fuhr mit meinem Mann und seinen Kindern noch einmal über Weihnachten zu seiner Familie nach Irland, wo wir einen wunderbar entspannten Urlaub verbrachten und ich mir zehn Tage lang wünschte, ich könnte alle bitzeligen, alkoholhaltigen Getränke mittrinken, die mir permanent angeboten wurden.

Dreieinhalb Monate später kam unsere Tochter zur Welt. Sie wollte Milch trinken, brauchte anfangs acht frische Windeln am Tag und sie hasste ihren Stubenwagen so sehr, dass wir ihn rausschmissen.  Fortan steckten wir unsere Tochter tagein, tagaus in ihre Baby-Trage, in der sie sich ähnlich wohl zu fühlen schien, als wäre das Ding so etwas wie ihr “Wohnzimmer”. Wieviele Kilometer mein Mann und ich mit der Babytrage im Wiegeschritt durch unsere Wohnung gekreiselt und geschuckelt sind, wird wahrscheinlich das bestgehütetste Geheimnis aller Zeiten zwischen uns und unseren Wohnzimmerdielen bleiben.

Irgendwann wurde meine Tochter dann grösser. Sie hielt ein Stück Banane in den Händen und biss eigenständig davon ab, musste also weniger gestillt und auch nicht mehr ganz so oft gewickelt werden. Sie spielte plötzlich mit einer Schaufel und einem Eimer im Sand und wollte nach einem ganzen Jahr, in dem sie regelrecht babytragensüchtig war, plötzlich überhaupt nichts mehr mit dem Ding zu tun haben.

L. geht jetzt in die Kita. Sie lernt dort spanisch und sagt morgens an dem kleinen Absperrgitter, das aus dem Umkleidebereich ins Spielzimmer führt,  “Adios, Mamaaaa..”, bevor sie in ihren Filzhausschuhen hinter dem Tresen des kleinen Kaufmannsladens verschwindet.

Am meisten bewegt mich, dass unsere Tochter heute selbst eine “Mama” ist. In der Kita wiegt sie die Puppen in den Schlaf und singt dazu ein Lied, bevor sie ihre “Babies” in die beiden winzigen Holzbettchen legt. Und wenn die Babies nicht schlafen wollen, dann trägt sie sie eben im Wiegeschritt in einem winzigen Ergo-Carrier für Puppen umher (Ja, das gibt’s! Ganz im Ernst. Sieht so niedlich aus! Die Puppen-Trage hat ein Elternpaar neulich der Kita gespendet!)

In der Zeit, in der L. in der Kita ist, habe ich – zumindest für ein paar Stunden – mein früheres Leben zurück. Ich trinke meinen Kaffee wieder heiß, auch den zweiten und den dritten am Tag. Ich treffe mich wieder mit Freunden in Kreuzberg und wenn ich wollte, könnte jederzeit bei meinem Friseur in der Sanderstraße anrufen und einen Termin vereinbaren. Der letzte Kita-Virus ist jedenfalls gerade überstanden.

Der Petersen-Shop soll in den nächsten Tagen noch etwas weihnachtlicher aussehen. Und auch hier, auf dem Petersen-Blog, soll jetzt endlich wieder mehr passieren. Hab’ ich mir jedenfalls fest vorgenommen. Also: Drückt mir die Daumen. Die Sternchen stehen ja irgendwie ganz gut, was meint Ihr?

Über das Wegwerfen von verschlissenen Leggins

 

Neulich dachte ich mir, ich versuch’s mal wieder mit Yoga. Ich fuhr in ein angesagtes Studio in Mitte, betrat die Umkleide und stieg in eine so richtig verwaschene American Apparel-Leggins.
Ich weiß, dass es längst an der Zeit wäre, die Dinger wegzutun. Aber seit der Pleite der amerikanischen Hipster-Kette kann ich mich aus für meinen Mann leider null nachvollziehbaren Gründen einfach nicht von den Stretch-Leggins trennen.

Die Gespräche zwischen B. und mir laufen da mittlerweile nach einem vollkommen festgefahrenen Schema ab:

Er: “Du hast doch so schöne Hosen im Schrank, mein Liebling…” (starrt auf die an den Knien furchtbar ausgebeulten Leggins, die ich trage)
Ich: “Die hab’ ich mir halt mal in New York gekauft.”
Er: “Wann? 1995???”
Ich: “Selbstverständlich nicht!”
Er (schiebt sich an der offenen Kühlschranktür eine Scheibe Salami in den Mund): “Ich will  ja nichts sagen, aber Du müsstest Dich in den Dingern mal von hinten sehen. Da sind die nämlich schon ganz schön durchsichtig (schmatz, schmatz).
Ich (leicht angefasst!): “Ich bin dann jetzt mal für ein paar Stunden weg.”
(Haustür fällt mit einem unfassbar lautem Knall ins Schloß.)

Nicht, dass mich diese Diskussionen unter Druck setzen würden. Und trotzdem fürchte ich, dass man es mit dem Herumgeschlumpfe in der Wohnung vielleicht nicht unbedingt übertreiben sollte, wenn man in einer festen Beziehung lebt oder miteinander verheiratet ist.

Der Mensch, der da jeden Morgen neben einem aufwacht, ist ja keine WG-Mitbewohnerin.

Es macht also weder Sinn, ihn ständig anzuherrschen, wenn er das Nutellla-Glas in seiner hektischen Ich-bin-Manager-und-Ach-Du-meine-Güte-hab-ichs-deshalb-mal-wieder-eilig-Art leergekratzt zurück in den Schrank stellt und kein neues besorgt. Noch muss er unbedingt wissen, wie sehr ich es liebe, mich, sobald er hektisch, hektisch auf einen Businesstrip abreist, mit einer unsexy Seesand-Mandel-Maske im Gesicht, einer Staffel der Serie “Entourage”, einer Maxi-Tüte Schokobons und einer abgewetzten Tigerenten-Wärmflasche unter die Bettdecke zu verziehen.

Eine WG-Mitbewohnerin würde das alles sicher für eine Weile verkraften, wenn man ihr ab und zu mal eine Flasche Wein und ein schweineteures, gut riechendes Beautyprodukt spendiert. Eine Ehe eher nicht.

Nach einigen, offen vor dem Ehepartner herumgeschlumpften Jahren kann es sehr gut sein, dass ich mir von B. einmal im Beisein eines chronisch zugekoksten Scheidungsanwalts anhören muss, ich hätte der Liebe meines Lebens gegenüber kein Interesse mehr gezeigt.

Nur deshalb sei B. in seiner Verzweiflung ja quasi dazu gezwungen gewesen, sich in die Arme und das Ikea-Bett einer 10 Jahre jüngeren und extrem heiß aufgestylten Schnalle zu werfen, die wahrscheinlich Bibi heißt und sich gerade einen Glitzerdiamanten-Sticker auf den Eckzahn hat kleben lassen, weil sie das “irgendwie witzig” fand.

Ich könnte bei diesem Anwaltstermin natürlich erwähnen, dass sich eine gewisse Person bei uns zuhause abends und am Wochenende seit Jahren in ausgebeulten Jogginghosen auf die Couch wirft, die englische Premier League streamt und sich parallel mit seinen Kumpels über WhatsApp blödelige Kommentare zum Spiel austauscht, während ich allein im Nebenzimmer sitze, Käsecracker esse, ein frühes Werk von Martin Walser lese und vergebens auf ein angeregtes Gespräch warte.

Und dann könnte ich vielleicht noch hinzufügen, dass mich die Proll-Phasen von B. trotzdem nie so schlimm abturnten, dass ich mir von einem echt heißen und frisch nach Berlin gezogenen Portugiesen (nur so ein Beispiel) , den ich über “Tinder” aufgekratzt hätte (wo ich zur Zeit selbstverständlich nicht angemeldet bin), in seiner Neuköllner 1,5-Zimmer-Bude mal zeigen ließ, was einer, der gerade erst 22 geworden ist (ich sag nur: alles wahrscheinlich noch mega straff!!!), eigentlich so für Moves auf seiner Kaltschaummatratze draufhat.

Aber solche Überlegungen behält man bei einem Termin mit dem Scheidungsanwalt vielleicht aus taktischen Gründen besser für sich, dachte ich, als ich mir im Yogastudio meinen dicken Wollpulli auszog und die superelektrisch in alle Himmelsrichtungen abstehenden Haare wieder in ein Zopfgummi zurückzwängte.

Ich sah mich um und stellte erleichtert fest, dass auch die anderen Mädels sich scheinbar nicht groß Gedanken über ihr Outfit gemacht hatten. Als alle die Umkleide verließen, folgte ich ihnen in einen dezent nach Räucherstäbchen duftenden Raum.

“Hi!”, sagte die Yoga-Lehrerin, die kurz nach uns durch die Tür schlüpfte. Sie war nicht besonders groß, trug ihr dunkelblondes, langes Haar offen und stellte sich im Vorbeigehen supernett mit “Ich bin Bettina. Wie geht’s Euch allen denn heute so?” vor.

Während Bettina eine CD in die Anlage schob und ein schmusiger Folksänger damit begann, ganz herzzerreißend über die unerwiderte Liebe zu einer längst anderweitig vergebenen Surfer-Braut zu singen, musste ich mich schwer zusammenreißen, um nicht unentwegt auf Bettinas Outfit zu starren: Sie trug eine schicke, schwarz-beige-braun gemusterte Leoparden-Leggins und ein schwarzes, extraweites Sweatshirt, das mit einem dezenten Totenkopf bedruckt war. Quer über dem verwaschenen Schädel las ich in einer punkigen und kein bißchen albernen Handschrift das Wort “Namasté”.

Die Klamotten, die sie trug, standen Bettina super. Sie waren lässig und sahen eins zu eins so aus, als wären sie von einem ehemaligen Super-Model entworfen worden, das mit 52 noch aussieht wie 28 und sich mit Verkäufen aus einer Yoga-Kollektion morgens vor dem Frühstück schon wieder ein kleines Vermögen dazuverdient.

Bettina drehte den Schmusesänger noch ein wenig lauter. Dann trabte sie mit kleinen Hüpfern auf ihre Matte. Wir falteten unsere Hände vors Herz und begannen, auf Bettinas Kommando in tiefen Zügen ein- und auszuatmen. Unauffällig starrte ich noch ein bißchen auf ihre Leoparden-Leggins. Dann schloß auch ich die Augen. Mein Atem beruhigte sich. Und ich kam tatsächlich ein bißchen runter.

Als wir fertig waren, zog ich mich um, stieg aufs Rad und beschloß auf dem Weg nach Hause, dass es jetzt vielleicht doch an der Zeit war, etwas zu ändern. Konnte es sein, dass es mir beim Yoga tatsächlich gelungen war, so etwas wie eine tief sitzende Blockade wegzuatmen? Ich öffnete die Tür zum Hof und rollte mit meinem Rad direkt vor die Mülltonnen. Dort riß ich sofort die Sporttasche auf und stopfte die verschlissene American-Apparel-Leggins in die schwarze Tonne.

Ich war schon im Treppenhaus, als ich nochmal runterging und mit meinem Handy ein Foto von den Leggins machte. Ich schickte es meinem Mann. Als ich die Wohnung aufschloß, bekam ich eine SMS mit einem nach oben gestreckten Daumen zurück.

“Wollen wir am Samstag abend mal wieder ausgehen?” textete ich ihm. “Nur wir zwei?” (Nicht, dass man mir im Büro des Scheidungsanwalts tatsächlich eines Tages vorwarf, ich wäre ständig zu sehr mit mir und meinen Käsecrackern beschäftigt gewesen.)

Mein Mann antwortete sofort mit einem großen, roten Herz. Kurz darauf folgte noch ein Smiley, auf dessen Augen zwei kleinere, verknallte Herzchen klebten.

Ich schickte ihm den kleinen, braun-weiß gefleckten Hund, der seine Zunge rausstreckt, weil mein Mann IMMER grinsen muss, wenn man ihm diesen Hund rüberbeamt. Und dann verlor ich mich im Netz auf einer absurd zeitintensiven Recherche nach der perfekten Leoprint-Leggins. So einer, wie Bettina sie trägt.

 

Und Ihr? Habt Ihr auch noch so schlumpfige Klamotten im Schrank, die längst in den Müll gehören? Schreibts mir an: melanie (at) hellopetersen.com !

Total royal

So gut, dass ich kein Mitglied der britschen Königsfamilie bin. Ich nehme an, ich wäre innerhalb eines Vierteljahres schwer tablettenabhängig, Alkoholikerin, schlimm traumatisiert – oder alles zusammen.

In schwachen Momenten habe ich mir zwar öfters mal vorgestellt, wie MEGAlässig es doch wäre, in einem Schloß zu leben.
Damals im Studium zum Beispiel. Eine Zeit, in der ich mich zum Monatsende in meiner Eimsbüttler Butze manchmal tagelang von Haferflocken ernährte und ab 18 Uhr viel im Dunklen herumsaß, weil ich dauernd fürchtete, meine derzeitige Mitbewohnerin könnte zu viel Strom verbrauchen und im Anschluß überraschend einen Erasmus-Austausch genehmigt bekommen, so dass ich zum Jahresende ganz allein auf einer Nachzahlung sitzenbliebe, die mich für die nächsten zwanzig Jahre vollkommen ruiniert hätte.

Am lässigsten wäre es, so stellte ich es mir bis vor kurzem noch vor, in einem Schloß leben zu dürfen. Einem Kasten, in dem man jederzeit eine uralte Uhr von der Wand nehmen und diese auf ebay Kleinanzeigen verticken könnte, wenn einen eine aberwitzig hohe Strom-Nachzahlung ereilte.

Auf die Krone, den Titel und den anderen Wichtig-Wichtig-Quatsch könnte ich zwar total gut verzichten. Am allerliebsten wäre es mir tatsächlich, ich dürfte im Schloß leben, ohne den Job der Queen machen zu müssen. Das ganze Am-Schreibtisch-In-Wichtigen-Papieren-Herumgeraschele und die Termine, auf denen man ständig mit dem Premierminister staubtrockene Plätzchen mampfen muss, braucht doch kein Mensch.

Wäre es nicht total genial, wenn man ein vollkommen drittklassiges Licht in der Monarchie darstellen würde? Eine Person, die so unwichtig wäre, dass sie ohnehin nie zum Seidenschleife-Durchschneiden oder Spatenstich-Buddeln in einer Charity-Einrichtung für sozial benachteiligte Katzenwaisen anrücken müsste?

Wie? Das wäre Euch jetzt zu unbedeutend? Mir überhaupt nicht. Von der dritten Reihe aus könnte man es sich doch auf dem Schloß echt so richtig entspannt machen. Zwei Tage die Woche würde ich zum Beispiel schon mal grundsätzlich im Schlafanzug verbringen. Montags und dienstags zum Beispiel.

Mittwochs könnte ich mich dann in einem blankgewienerten Rolls Royce aus dem königlichen Fuhrpark entweder in die Tate Gallery fahren lassen, oder in die königlichen Reitställe.

Vor Ort würde mir das Reitstall-Team in einem hübschen, weißen Catering-Zelt zur Stärkung höchstwahrscheinlich erstmal ein kleines Picknick anbieten. Earl Grey-Tee also, literweise Ginger Ale mit Eis und hübsche, tramezziniartige Sandwiches, die der Caterer aus weißem Toastbrot mit abgeschnittener Kante zubereiten würde, hauchdünnen Gurkenscheiben und einer fingerdicken Schicht Worcestershire-Sauce.

Sobald ich mich gestärk hätte, würde mich ein echter Hottie (!) von Pferdetrainer auf ein Zuchtpferd setzen, das mindestens eine Zillion Euro kostet. Auf diesem Spitzentier könnte ich mich auf einem Sandplatz so lange im Tempo “Schritt” im Kreis herumführen lassen, bis der Hottie sich bei mir über seine nervenaufreibende On-Off-Beziehung mit einer argentinischen Polo-Spielerin ausgeweint hätte.

Nach dem stressigen Psycho-Mittwoch wäre ich dann vermutlich auch erstmal platt.

Donnerstags und freitags würde ich also lange ausschlafen. Abends könnte ich im Schloß vielleicht ein kleines, privates Dinner geben. Ein Abendessen, das auf jeden Fall damit endet, dass alle strunzbesoffen zu David Bowie-Songs rumtanzen, bevor alle strunzbesoffen zu alten Liebesliedern von New Order miteinander rumknutschen.

So in etwa habe ich mir jahrelang den Alltag im britischen Königshaus vorgestellt.

“Also, hirnrissiger geht’s ja wohl nicht!”, kommentierte mein Mann diese, na ja, vielleicht etwas naive Vorstellung von einem Leben inmitten der Royals. Er drückte mir ein abgewetztes Buch in die Hand.
“Lies das. Und dann reden wir weiter.”, sagte er und setzte sich wieder auf die Couch.

Es handelte sich um die Diana-Chronicles von Tina Brown. Sie ist die ehemalige Chefredakteurin der US-Vanity Fair und hat während der Recherchen zu diesem Buch mit Sicherheit mehr über Prinzessin Diana herausgefunden, als diese zu Lebzeiten jemals über sich selbst wußte.

“Was steht denn so drin?”, fragte ich und sah mir ein Foto von Diana in einem knallpinken 80er-Jahre-Sweater mit Schulterpolstern an.

Ab sofort gab es tagelang kein Frühstück, kein romantisches Abendessen im Restaurant und keine Autofahrt an den Schlachtensee, auf der es meinem Mann nicht schon wieder gelang, das Gespräch auf sein neues Lieblingsthema die “Diana Chronicles” zu lenken (“Schatz, wußtest du eigentlich, dass dieser Dodi Al-Fayed die totale Koksnase war? Ja, ist echt wahr. Wenn Du das Buch mal lesen würdest, wüßtest du das jetzt alles.”)

Wenig später entdeckten wir auf Netflix die beiden Staffel von “THE CROWN”. Wir sahen uns alle 20 Folgen an. Und dann begriff ich, dass mein Mann tatsächlich Recht hatte.

Es muss der absolute Horror sein, zum britischen Königshaus zu gehören Die englischen Royals sind scheinbar so ultrafies drauf, dass es ihnen kein bißchen zu doof ist, den ganzen Tag lang auf hellbeige-geblümten Sofas mit Laura-Ashley-Bezug hinter dem Rücken der anderen Familienmitglieder übereinander abzulästern.

Auch handelt es sich bei diesen Leuten offensichtlich um eine vollkommen verklemmte Spezies, die sich gegenseitig nichts, also nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und – abgesehen von der genial durchgeknallten Partymaus Prinzessin Margret–, so steif ist, dass man echt null Lust drauf hat, im Rahmen eines Abendessens mal ein-zwei Lieder lang mit ihnen zu tanzen. Nicht mal, wenn jemand einen David Bowie-Song auflegt.

Und wozu tanzt Ihr abends gerade so?

Wer “The Crown” noch nicht kennt, sollte hier unbedingt mal reinschauen!

Illustration: hellopetersen // Foto: Netflix /via youtube

Berliner Partythemen

Neulich saß ich mit einer Schachtel “After Eight” auf dem Schoß vor dem Rechner und las ich mich durch ein paar Blogs, als mir auffiel, dass auf einem gar nichts mehr passierte. Ich überflog den letzten Eintrag und stellte fest, dass er aus dem September stammte.

Einige von uns erinnern sich vielleicht: das war der Monat, in dem draußen noch die Sonne schien und es selbst an bewölkteren Tagen noch möglich war, sich mit einer richtig guten Freundin und zwei Stücken „New York Cheesecake“ von Barcomi’s auf den Balkon zu setzen.

Genialerweise musste die Freundin einem damals beim Kuchenessen auch noch nicht mit einer funzeligen Taschenlampe auf den Teller leuchten, damit nicht so viel von der Gabel flutschte und runter auf die Straße flog.

Ach, ist das alles lang’ her! Ich las noch ein bißchen auf dem Blog herum, auf dem seither nichts mehr passiert war und fragte mich, ob man sich um die Bloggerin vielleicht sorgen müsse. Sofort steigerte ich mich in ein furchtbares Szenario hinein, das Probleme mit ihrem Freund oder Mann einschloß und den erneuten Wechsel einer Führungskraft im Büro, obwohl die Bloggerin sich doch möglicherweise gerade erst mit ihrer vollkommen geistesgestörten Vorgesetzten arrangiert hatte.

Und wenn es nicht an Beziehungsproblemen oder Terror im Büro liegen konnte, dann doch wohl nur daran, so bildete ich mir ein, dass die Bloggerin innerhalb von drei Monaten aus ihrer Wohnung ausziehen musste.

In anderen deutschen Städten mag es ja durchaus noch Leute geben, die den Verlust ihrer Wohnung yogimäßig gelassen und mit Würde ertragen. In Berlin bleibt einem nach einer Kündigung durch den Vermieter eigentlich nichts anderes übrig, als sich morgens um halb zehn drei doppelte Korn in die Rübe zu kippen und im Anschluß hysterisch schreiend die Torstraße rauf- und runterzurennen.

Mag also sein, dass es den Betroffenen in anderen Städten besser gelingt, sich einzureden, dass es eh mal wieder Zeit war für etwas Neues. Einen neuen Stadtteil, neue Fahrtwege ins Büro oder so. Ein neuer Arbeitsweg stellt auch für die Berliner gar kein Problem dar. Alle mir bekannten Menschen, die in Berlin leben, arbeiten in der Kreativ-Branche und sind mental durchaus in der Lage, sich innerhalb von Nanosekunden auf neue Lebensumstände einzustellen. Wer es gewohnt ist, von morgens bis abends alles in die Tonne zu kloppen, was am Tag zuvor noch mit dem Chef, dem Kunden oder dem Menschen, mit dem man zusammen ist, ganz fest so abgesprochen war, sollte eigentlich wirklich nicht daran verzweifeln, dass er demnächst umziehen muss.

Die positive Grundeinstellung meiner Berliner Freunde hält in letzter Zeit allerdings immer nur so lange an, bis sie bei Immoscout “Berlin”, “Wohnung” und “bis maximal 3000 Euro” eingegeben haben. Die  fünf-sechs mickrigen Buden in den äußersten Berliner Randbezirken, die einem im Anschluss auf dem Monitor entgegenflackern, sind nichts für sensible Kreativseelen, die sich morgens vor dem selbstgeschroteten Müsli schon gleich von einer kleinen, bierseligen Schreierei in der Nachbarwohnung den Tag verderben lassen, habe ich mir sagen lassen.

Vielleicht übertreibe ich jetzt auch ein bißchen, aber mittlerweile scheint es schon so zu sein, als werfe der unfreiwillige Verlust der Wohnung einen hier in Berlin in eine schlimmere Lebenskrise, als ein fremdgehender Ehemann oder eine Führungskraft, die einem mikrowellenschwere Aktenordner hinterher schmeißt, weil man es gewagt hatte, vor 22.30 Uhr das Büro zu verlassen.

Nicht, dass ich es statistisch belegen könnte, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass neunundneunzig Prozent der Menschen, die in Berlin zur Miete leben, sich tatsächlich lieber nach einem neuen Partner oder einem neuen, noch durchgeknallteren Arbeitgeber umsehen würden, als nach einer neuen Wohnung.

Das ist zwar – wie gesagt – nur ein vollkommen subjektiver Eindruck. Wer es gern etwas genauer wissen möchte, muss sich am kommenden Wochenende allerdings nur mal auf zwei Mitte-Parties stellen, den Schlechte-Laune-Satz „Meine total nette Ernährungsberaterin muss dringend umziehen, hat jemand in letzter Zeit vielleicht mal was von einer bezahlbaren 3-Zimmer-Wohnung mit Wanne und Balkon in den üblichen Stadtteilen gehört?“ in die Runde werfen und ein Aufnahmegerät auf die Fensterbank legen. Jeder, der noch ganz bei Trost ist, entfernt sich jetzt in seinem eigenen Interesse sofort von seinem Aufnahmegerät und begibt sich zu der lustigen Gruppe in die Küche, die wahrscheinlich gerade das Berliner Party-Thema Nr.2 „Wie überlebe ich in einer polyamourösen Beziehung, ohne mich vor lauter Selbstzweifeln ständig in die Spree zu werfen“ am Wickel hat.

Könnte es also nicht tatsächlich sein, dass die Bloggerin seit September nicht mehr schreibt, weil sie aus ihrer Berliner Wohnung herausgeflogen ist? Vielleicht überlegt sie jetzt, ob es unter den gegebenen Umständen nicht vielleicht sogar leichter wäre, sich eine neue Existenz in einem ganz anderen Land aufzubauen.

Das könnte ich vollkommen nachvollziehen! Warum muss man sich in Berlin-Mitte von einem unverfrorenen Makler, der schlecht angezogen ist und aus dem Mund riecht, bei der Wohnungsbesichtigung alle zweieinhalb Sekunden auf den Arsch glotzen lassen, wenn man dasselbe doch auch in Buenos Aires, Honululu oder Kho Samui haben kann? Und dort steht man doch dann wenigstens in einer leeren Wohnung oder Hütte in Buenos Aires (!), Honululu (!) oder Kho Samui (!) herum und könnte sich in diesem Moment also wenigstens einbilden, das Ekel-Treffen mit dem Makler sei ein weiterer, nötiger Schritt zu einem ganz sagenhaft aufregenden Leben, das jetzt nur noch darauf warte, begonnen zu werden. Ein Gedanke, der sich einem nach einer Wohnungsbesichtigung in Berlin-Marzahn ja zur Zeit leider nicht unbedingt aufdrängt.

Wenn die Bloggerin jetzt also tatsächlich umziehen muss, weil der Eigentümer in ihrer bezahlbaren und unfassbar zentral gelegenen Wohnung eine schauspielernde Tochter aus dritter Ehe unterbringen will, dann wäre das schon ein mittelschweres Desaster.

Wahrscheinlich darf diese schauspielernde Tochter, die seit ihrer Entbindung daran gewöhnt ist, dass man ihr alles hinterherträgt, im Kiel-„Tatort“ als Komparsin ab und zu hinten links im Bild herumstehen und mit griesgrämiger Miene irgendwelche Papiere zusammentackern. Neulich habe ich gelesen, dass eine triste Bürosituation wie diese in TV-Krimis immer dann eingebaut wird, wenn der Regisseur ein bißchen deprimierenden Alltag auf dem Kommissariat zeigen möchte, damit einem in der nachfolgenden Szene erst recht das Blut in den Adern gefriert.

Nach der Szene auf dem vollgemüllten Depri-Polizeirevier kommt doch dann oft der gruselige Moment, in dem einen vor lauter Schreck darüber, dass der Täter schon wieder dem nächsten, ahnungslosen Opfer hinterherschleicht, die brandneuen und arschteuren Kontaktlinsen aus den Augen springen. Den glibschigen Dingern kann man von der Couch aus jetzt aber wenigstens dabei zusehen, wie sie sich die Ohren zuhalten, ins Bad schleichen, ohne Kreischerei Zähne putzen, sich freiwillig in ihre Reinigungslösung legen und noch ein bißchen in ihren Asterix-Comics blättern, während das nächste Mordopfer im Fernsehen jetzt garantiert bei Dämmerung mit einem schrottigen Fahrrad ohne Licht durch ein aberwitzig weit abgelegenes Waldstück zu seiner Oma fährt.

Ich wollte das Browserfenster gerade schließen, als ich bemerkte, dass es sich um mein eigenes Blog handelte, auf dem seit September nichts mehr passiert war. Ich ging in die Küche, warf die leeren „After Eight“-Papierkuverts in den Müll und beschloß, im neuen Jahr, das ja jetzt vor der Tür steht, wieder öfters zu bloggen. So lange ich noch eine Wohnung habe, aus der mich auch gerade keine Tatort-Komparsin herausscheucht, sollte ich die Zeit doch noch nutzen! Wer weiß, vielleicht muss ich am Ende sogar das Land verlassen. Und wie es auf der anderen Seite der Erde um die Internet-Verbindung in meiner Hütte bestellt wäre, kann ich gerade noch nicht so richtig einschätzen.