Total royal

So gut, dass ich kein Mitglied der britschen Königsfamilie bin. Ich nehme an, ich wäre innerhalb eines Vierteljahres schwer tablettenabhängig, Alkoholikerin, schlimm traumatisiert – oder alles zusammen.

In schwachen Momenten habe ich mir zwar öfters mal vorgestellt, wie MEGAlässig es doch wäre, in einem Schloß zu leben.
Damals im Studium zum Beispiel. Eine Zeit, in der ich mich zum Monatsende in meiner Eimsbüttler Butze manchmal tagelang von Haferflocken ernährte und ab 18 Uhr viel im Dunklen herumsaß, weil ich dauernd fürchtete, meine derzeitige Mitbewohnerin könnte zu viel Strom verbrauchen und im Anschluß überraschend einen Erasmus-Austausch genehmigt bekommen, so dass ich zum Jahresende ganz allein auf einer Nachzahlung sitzenbliebe, die mich für die nächsten fünfundzwanzig Jahre vollkommen ruiniert hätte.

Am lässigsten, so stellte ich es mir bis vor kurzem noch vor, wär’s doch eigentlich, in einem Schloß leben zu dürfen. Und dann am besten auch gleich in einem Gemäuer von angemessener Größe. Einem Kasten, in dem man jederzeit eine uralte Uhr von der Wand nehmen und diese auf ebay Kleinanzeigen verticken könnte, wenn einen eine aberwitzig hohe Strom-Nachzahlung ereilte.

Auf die Krone, den Titel und den anderen Wichtig-Wichtig-Quatsch könnte ich in so einem Fall total gut verzichten. Und das meine ich total ernst. Am allerliebsten wäre es mir tatsächlich, ich dürfte im Schloß leben, ohne den Job der Queen machen zu müssen. Das ganze Am-Schreibtisch-In-Wichtigen-Papieren-Herumgeraschele und die Appointments, auf denen man ständig mit dem Premierminister staubtrockene Plätzchen mampfen muss, braucht doch kein Mensch.

Wie genial wäre es also bitte, wenn man ein vollkommen drittklassiges Licht in der Monarchie darstellen würde?
Eine Person, die so unwichtig wäre, dass sie eh niemals zum Seidenschleife-Durchschneiden oder Spatenstich-Buddeln in einer Charity-Einrichtung für sozial benachteiligte Katzenwaisen anrücken müsste.

Wie? Das wäre Euch jetzt zu unbedeutend? Mir überhaupt nicht! Von der dritten Reihe aus könnte man es sich doch auf dem Schloß echt mal so richtig entspannt machen. Zwei Tage die Woche würde ich zum Beispiel schon mal grundsätzlich im Schlafanzug verbringen. Montags und dienstags zum Beispiel. Dies würde auch das Wochenende, dass einem eh immer viel zu schnell vorbeidüst, direkt ein bißchen verlängern.

Mittwochs könnte ich mich dann in einem blankgewienerten Rolls Royce aus dem königlichen Fuhrpark entweder in die Tate Gallery fahren lassen, oder in die königlichen Reitställe.

Vor Ort würde mir das Reitstall-Team in einem hübschen, weißen Catering-Zelt zur Stärkung höchstwahrscheinlich erstmal ein kleines Picknick anbieten. Earl Grey-Tee also, literweise Ginger Ale mit Eis und hübsche, tramezziniartige Sandwiches, die der Caterer aus weißem Toastbrot mit abgeschnittener Kante zubereiten würde, hauchdünnen Gurkenscheiben und einer fingerdicken Schicht Worcestershire-Sauce.

Sobald ich mich gestärk hätte, würde mich ein echter Hottie (!) von Pferdetrainer auf ein Zuchtpferd setzen, das mindestens eine Zillion Euro kostet. Auf diesem Spitzentier könnte ich mich auf einem Sandplatz an der langen Trense so lange im Tempo “Schritt” im Kreis herumführen lassen, bis der Hottie (!!!) sich bei mir über seine nervenaufreibende On-Off-Beziehung mit einer argentinischen Polo-Spielerin ausgeweint hätte.

Nach dem stressigen Mittwoch wäre ich dann vermutlich auch erstmal platt.

Donnerstags und freitags würde ich also lange ausschlafen. Abends könnte ich im Schloß vielleicht sogar ein kleines, privates Dinner geben. Ein Abendessen, das auf jeden Fall damit endet, dass alle strunzbesoffen zu David Bowie-Songs rumtanzen, bevor alle strunzbesoffen zu alten Liebesliedern von New Order miteinander rumknutschen.

So in etwa habe ich mir jahrelang den Alltag im britischen Königshaus vorgestellt.

“Also, hirnrissiger geht’s ja wohl nicht!”, kommentierte mein Mann diese, na ja, vielleicht etwas naive Vorstellung von einem Leben inmitten der Royals. Er sprang sofort von der Couch auf, um mir ein Buch in die Hand zu drücken.
“Lies das. Und dann reden wir weiter.”, sagte er und sah mich erwartungsfroh an.

Ich starrte kurz ihn und dann das Buch an. Es handelte sich um die  Diana-Chronicles von Tina Brown, die mein Mann da eben aus dem Bücherregal herausgekramt hatte. Tina Brown ist die ehemalige Chefredakteurin der US-Vanity Fair und hat während der Recherchen zu diesem Buch mit Sicherheit mehr über Prinzessin Diana herausgefunden, als diese jemals zu Lebzeiten über sich selbst gewußt haben kann.

“Was steht denn drin?”, fragte ich und sah mir ein Foto von Diana in einem knallpinken 80er-Jahre-Sweater mit Schulterpolstern an.
“Alles über das Leben mit Prince Charles, der Queen und all den anderen Knallis. Und eins kann ich Dir jetzt schon sagen: sobald Du das gelesen hast, wirst Du im Leben nicht mehr mit den Royals tauschen wollen.”

Ab sofort gab es tagelang kein Frühstück, kein romantisches Abendessen im Restaurant und keine Autofahrt an den Schlachtensee, auf der es meinem Mann nicht schon wieder gelang, das Gespräch auf sein neues Lieblingsthema die “Diana Chronicles” zu lenken (“Schatz, wußtest Du eigentlich, dass dieser Dodi Al-Fayed die totale Koksnase war? Ja, ist echt wahr. Wenn Du das Buch mal lesen würdest, wüßtest Du das jetzt alles.”)

Wenig später entdeckten wir auf Netflix die beiden Staffel von “THE CROWN”. Wir sahen uns alle 20 Folgen an. Und dann begriff ich, dass mein Mann in allen Punkten (ausnahmsweise mal) Recht hatte.

Es muss der absolute Horror sein, zum britischen Königshaus zu gehören Die englischen Royals sind scheinbar so ultrafies drauf, dass es ihnen kein bißchen zu blöd ist, den ganzen Tag lang auf beige-geblümten Sofas mit Laura-Ashley-Bezug hinter dem Rücken der anderen Familienmitglieder übereinander abzulästern.

Auch handelt es sich bei diesen Leuten offensichtlich um eine vollkommen verklemmte Spezies, die sich gegenseitig nichts, also nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt und – abgesehen von der supergenial durchgeknallten Partymaus Prinzessin Margret–, so steif ist, dass man echt null Lust drauf hat, im Rahmen eines Abendessens mal ein-zwei Lieder lang mit ihnen zu tanzen. Echt nicht. Und nicht mal, wenn jemand einen David Bowie-Song auflegt.

Wer “The Crown” noch nicht kennt, sollte hier unbedingt mal reinschauen!

Und wozu tanzt Ihr abends gerade so?

Illustration: hellopetersen // Foto: Netflix /via youtube

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Berliner Partythemen

Neulich saß ich mit einer Schachtel “After Eight” auf dem Schoß vor dem Rechner und las ich mich durch ein paar Blogs, als mir auffiel, dass auf einem gar nichts mehr passierte. Ich überflog den letzten Eintrag und stellte fest, dass er aus dem September stammte.

Einige von uns erinnern sich vielleicht: das war der Monat, in dem draußen noch die Sonne schien und es selbst an bewölkteren Tagen noch möglich war, sich mit einer richtig guten Freundin und zwei Stücken „New York Cheesecake“ von Barcomi’s auf den Balkon zu setzen.

Genialerweise musste die Freundin einem damals beim Kuchenessen auch noch nicht mit einer funzeligen Taschenlampe auf den Teller leuchten, damit nicht so viel von der Gabel flutschte und runter auf die Straße flog.

Ach, ist das alles lang’ her! Ich las noch ein bißchen auf dem Blog herum, auf dem seither nichts mehr passiert war und fragte mich, ob man sich um die Bloggerin vielleicht sorgen müsse. Sofort steigerte ich mich in ein furchtbares Szenario hinein, das Probleme mit ihrem Freund oder Mann einschloß und den erneuten Wechsel einer Führungskraft im Büro, obwohl die Bloggerin sich doch möglicherweise gerade erst mit ihrer vollkommen geistesgestörten Vorgesetzten arrangiert hatte.

Und wenn es nicht an Beziehungsproblemen oder Terror im Büro liegen konnte, dann doch wohl nur daran, so bildete ich mir ein, dass die Bloggerin innerhalb von drei Monaten aus ihrer Wohnung ausziehen musste.

In anderen deutschen Städten mag es ja durchaus noch Leute geben, die den Verlust ihrer Wohnung yogimäßig gelassen und mit Würde ertragen. In Berlin bleibt einem nach einer Kündigung durch den Vermieter eigentlich nichts anderes übrig, als sich morgens um halb zehn drei doppelte Korn in die Rübe zu kippen und im Anschluß hysterisch schreiend die Torstraße rauf- und runterzurennen.

Mag also sein, dass es den Betroffenen in anderen Städten besser gelingt, sich einzureden, dass es eh mal wieder Zeit war für etwas Neues. Einen neuen Stadtteil, neue Fahrtwege ins Büro oder so. Ein neuer Arbeitsweg stellt auch für die Berliner gar kein Problem dar. Alle mir bekannten Menschen, die in Berlin leben, arbeiten in der Kreativ-Branche und sind mental durchaus in der Lage, sich innerhalb von Nanosekunden auf neue Lebensumstände einzustellen. Wer es gewohnt ist, von morgens bis abends alles in die Tonne zu kloppen, was am Tag zuvor noch mit dem Chef, dem Kunden oder dem Menschen, mit dem man zusammen ist, ganz fest so abgesprochen war, sollte eigentlich wirklich nicht daran verzweifeln, dass er demnächst umziehen muss.

Die positive Grundeinstellung meiner Berliner Freunde hält in letzter Zeit allerdings immer nur so lange an, bis sie bei Immoscout “Berlin”, “Wohnung” und “bis maximal 3000 Euro” eingegeben haben. Die  fünf-sechs mickrigen Buden in den äußersten Berliner Randbezirken, die einem im Anschluss auf dem Monitor entgegenflackern, sind nichts für sensible Kreativseelen, die sich morgens vor dem selbstgeschroteten Müsli schon gleich von einer kleinen, bierseligen Schreierei in der Nachbarwohnung den Tag verderben lassen, habe ich mir sagen lassen.

Vielleicht übertreibe ich jetzt auch ein bißchen, aber mittlerweile scheint es schon so zu sein, als werfe der unfreiwillige Verlust der Wohnung einen hier in Berlin in eine schlimmere Lebenskrise, als ein fremdgehender Ehemann oder eine Führungskraft, die einem mikrowellenschwere Aktenordner hinterher schmeißt, weil man es gewagt hatte, vor 22.30 Uhr das Büro zu verlassen.

Nicht, dass ich es statistisch belegen könnte, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass neunundneunzig Prozent der Menschen, die in Berlin zur Miete leben, sich tatsächlich lieber nach einem neuen Partner oder einem neuen, noch durchgeknallteren Arbeitgeber umsehen würden, als nach einer neuen Wohnung.

Das ist zwar – wie gesagt – nur ein vollkommen subjektiver Eindruck. Wer es gern etwas genauer wissen möchte, muss sich am kommenden Wochenende allerdings nur mal auf zwei Mitte-Parties stellen, den Schlechte-Laune-Satz „Meine total nette Ernährungsberaterin muss dringend umziehen, hat jemand in letzter Zeit vielleicht mal was von einer bezahlbaren 3-Zimmer-Wohnung mit Wanne und Balkon in den üblichen Stadtteilen gehört?“ in die Runde werfen und ein Aufnahmegerät auf die Fensterbank legen. Jeder, der noch ganz bei Trost ist, entfernt sich jetzt in seinem eigenen Interesse sofort von seinem Aufnahmegerät und begibt sich zu der lustigen Gruppe in die Küche, die wahrscheinlich gerade das Berliner Party-Thema Nr.2 „Wie überlebe ich in einer polyamourösen Beziehung, ohne mich vor lauter Selbstzweifeln ständig in die Spree zu werfen“ am Wickel hat.

Könnte es also nicht tatsächlich sein, dass die Bloggerin seit September nicht mehr schreibt, weil sie aus ihrer Berliner Wohnung herausgeflogen ist? Vielleicht überlegt sie jetzt, ob es unter den gegebenen Umständen nicht vielleicht sogar leichter wäre, sich eine neue Existenz in einem ganz anderen Land aufzubauen.

Das könnte ich vollkommen nachvollziehen! Warum muss man sich in Berlin-Mitte von einem unverfrorenen Makler, der schlecht angezogen ist und aus dem Mund riecht, bei der Wohnungsbesichtigung alle zweieinhalb Sekunden auf den Arsch glotzen lassen, wenn man dasselbe doch auch in Buenos Aires, Honululu oder Kho Samui haben kann? Und dort steht man doch dann wenigstens in einer leeren Wohnung oder Hütte in Buenos Aires (!), Honululu (!) oder Kho Samui (!) herum und könnte sich in diesem Moment also wenigstens einbilden, das Ekel-Treffen mit dem Makler sei ein weiterer, nötiger Schritt zu einem ganz sagenhaft aufregenden Leben, das jetzt nur noch darauf warte, begonnen zu werden. Ein Gedanke, der sich einem nach einer Wohnungsbesichtigung in Berlin-Marzahn ja zur Zeit leider nicht unbedingt aufdrängt.

Wenn die Bloggerin jetzt also tatsächlich umziehen muss, weil der Eigentümer in ihrer bezahlbaren und unfassbar zentral gelegenen Wohnung eine schauspielernde Tochter aus dritter Ehe unterbringen will, dann wäre das schon ein mittelschweres Desaster.

Wahrscheinlich darf diese schauspielernde Tochter, die seit ihrer Entbindung daran gewöhnt ist, dass man ihr alles hinterherträgt, im Kiel-„Tatort“ als Komparsin ab und zu hinten links im Bild herumstehen und mit griesgrämiger Miene irgendwelche Papiere zusammentackern. Neulich habe ich gelesen, dass eine triste Bürosituation wie diese in TV-Krimis immer dann eingebaut wird, wenn der Regisseur ein bißchen deprimierenden Alltag auf dem Kommissariat zeigen möchte, damit einem in der nachfolgenden Szene erst recht das Blut in den Adern gefriert.

Nach der Szene auf dem vollgemüllten Depri-Polizeirevier kommt doch dann oft der gruselige Moment, in dem einen vor lauter Schreck darüber, dass der Täter schon wieder dem nächsten, ahnungslosen Opfer hinterherschleicht, die brandneuen und arschteuren Kontaktlinsen aus den Augen springen. Den glibschigen Dingern kann man von der Couch aus jetzt aber wenigstens dabei zusehen, wie sie sich die Ohren zuhalten, ins Bad schleichen, ohne Kreischerei Zähne putzen, sich freiwillig in ihre Reinigungslösung legen und noch ein bißchen in ihren Asterix-Comics blättern, während das nächste Mordopfer im Fernsehen jetzt garantiert bei Dämmerung mit einem schrottigen Fahrrad ohne Licht durch ein aberwitzig weit abgelegenes Waldstück zu seiner Oma fährt.

Ich wollte das Browserfenster gerade schließen, als ich bemerkte, dass es sich um mein eigenes Blog handelte, auf dem seit September nichts mehr passiert war. Ich ging in die Küche, warf die leeren „After Eight“-Papierkuverts in den Müll und beschloß, im neuen Jahr, das ja jetzt vor der Tür steht, wieder öfters zu bloggen. So lange ich noch eine Wohnung habe, aus der mich auch gerade keine Tatort-Komparsin herausscheucht, sollte ich die Zeit doch noch nutzen! Wer weiß, vielleicht muss ich am Ende sogar das Land verlassen. Und wie es auf der anderen Seite der Erde um die Internet-Verbindung in meiner Hütte bestellt wäre, kann ich gerade noch nicht so richtig einschätzen.

Schatz, wollen wir mal wieder umziehen?

(Willkommen zur ersten Folge von “In The Name Of Love: Die deutsch-irische Beziehung. Die Kolumne erscheint ab sofort in unregelmäßiger Abfolge auf dem PETERSEN-Blog. )

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“In The Name Of Love”. Teil 1.

Schatz, wollen wir mal wieder umziehen? 

Wir wollen eigentlich nicht umziehen, aber manchmal wäre es eben doch ganz schön, noch ein viertes Zimmer zu haben.

„Ich hab`die perfekte Wohnung für uns gefunden“, sagt mein Mann und scrollt stolz durch die zehn Fotos, auf denen ein lichtdurchflutetes Dachgeschoss in Moabit zu sehen ist.

Ich schnappe mir sein Telefon. „Der Altbau kommt mir irgendwie bekannt vor?“ sage ich und zoome so dicht an den Grundriss heran, bis er schon ganz pixelig ist.

Zwei WhatsApps später stellt sich heraus, dass es tatsächlich dasselbe Mietshaus ist, in dem unsere sehr gute Freundin S. vor einer Weile die Wohnung einer Freundin einhütete. Unsere Freundin S. lebt mit ihrer Familie seit ein paar Jahren in Barcelona. Weil ihr Mann beruflich gerade unterwegs war, flog S. mit den beiden Jungs (4 und 6 Jahre) nach Berlin, um uns alle mal wieder zu besuchen.

Ihre Freundin war unterwegs. Deshalb hatte S. die Wohnung in Moabit mit den Kindern auch ganz für sich allein. Die Bude im Dachgeschoss muss echt der absolute Hammer gewesen sein. Bis S. eines nachmittags bei uns in der Küche von den Nachbarn erzählte.

„Tagsüber bin ich mit den Jungs ja eh immer unterwegs. Aber kaum setzen wir abends zu Hause einen Fuß in die Wohnung, klingelt das Paar aus der Wohnung unter uns auch schon an der Tür.”

„Ihr seid zu laut“, hatte die Frau, die in unserem Alter ist, geblafft. Meine Freundin warf einen unauffälligen Blick auf ihr Handgelenk. 20.15 Uhr. Ah ja. Moment! 20.15 Uhr???

Mochte ja sein, dass meine Freundin S. aus Barcelona mittlerweile anderes gewohnt war. Aber war Viertel nach acht in Deutschland denn jetzt das neue 22 Uhr?

Nein, war es nicht, beruhigten wir unsere Freundin schnell. Um Viertel nach acht musste man sich in  Berlin eigentlich für kaum etwas anblaffen lassen. Manch einer kam um diese Zeit doch erst von einer Party nach Hause, auf die er in der Absicht, nur mal kurz mit den Gastgebern anzustoßen, am Vorabend losgezogen war.

Von ihrer Freundin erfuhr S. später, dass die Nachbarin sich die Wohnung mit ihrem Mann zusammen gekauft hatte. Beim Kauf war ihnen leider nicht mitgeteilt worden, dass beim Ausbau der Wohnung über ihnen scheinbar ordentlich an Dämm- und Schallschutz gespart worden war. Jetzt hörten sie also jede einzelne Fruchtfliege, die in der Bude über ihnen vom Mülleimer auf den Holzfußboden plumpste, um dort auf der ungedämmten Diele vollgefressen einen fahren zu lassen.

Ich gebe meinem Mann das Handy zurück. Meine Skepsis steht mir wohl ins Gesicht geschrieben. Jedenfalls grinst er mich frech an und verkündet, dass er sich die Wohnung trotzdem mal ansehen werde.

„Gute Nachrichten!“ ruft er mir abends in Unterhose von der Couch aus über die Wochenend-Zusammenfassung der englischen Premier League hinweg zu. „Es ist nicht die Wohnung direkt über den Horrornachbarn. Sondern nur die daneben. Die Hoschis würden also nur schräg unter uns wohnenMit denen hätten wir gar nichts zu tun, Schatz.“

Dann macht er noch zwei übertrieben laute Knutscher in meine Richtung, was in unserer internen Pärchensprache so viel heißt wie “und auf das Argument, dass mich jetzt noch vom Gegenteil überzeugen soll, bin ich aber echt mal gespannt”. Er greift zur Fernbedienung, um die Glotze wieder lauter zu stellen.

Die Vorstellung, schräg über extrem lärmempfindlichen Leuten zu leben, finde ich zwar irgendwie beunruhigend. Aber das behalte ich lieber für mich. Neben diesem ultraentspannten Mann wirke ich aus irgendwelchen Gründen eh schon ständig, als gehörte ich eher zur “Glas Halbleer”-Fraktion, also zu all den anderen, deutschen Bedenkenträgern, die bei allem, was gerade erst begonnen hatte, Spaß zu machen, vor lauter Schiss sofort den Stecker ziehen.

Zwei Tage später steige ich also vollkommen unvoreingenommen aufs Rad, um mir selbst mal ein Bild von der Bude zu machen.

Die Maklerin, Mitte Fünfzig, dunkelblauer Hosenanzug, passende Pumps, Perlohrringe und blond durchgesträhnte Kurzhaarfrisur, kommt gleich zur Sache. „Die Wohnung ist wirklich ein Traum. 4 Zimmer, 2 Bäder, viel Platz auf der Dachterrasse, 115 Quadratmeter reine Wohnfläche, kleiner Hauswirtschaftsraum, Stauraum ohne Ende… Also, hier stimmt wirklich alles!“, sagt sie und breitet begeistert die Arme aus, so, wie es Angela Merkel in der “tagesschau” immer macht, wenn sie eine Gruppe Weltherrscher begrüßt.

Neugierig sehe ich mich um. Vier Zimmer wären eins mehr als bisher. Wir könnten es echt gut gebrauchen. Im Wohnzimmer ist ein offener Kamin eingebaut, in dem schon ein paar Holzscheite liegen. Im Winter könnt ich hier auf einem Sessel vor dem Feuer sicher stundenlang furchtbar wertvolle Romane lesen. Irgendwas von Henry James zum Beispiel, für den ich unter der Woche einfach nicht nötige Geduld aufbringe. Oder alle diese wundervoll traurigen Kurzgeschichtenbände von Alice Munro. Gedankenverloren trete ich an die bodentiefen Fenster. Auf der kleinen, quadratischen Dachterrasse vor mir sehe ich meinen Mann abends schon eine Handvoll Würstchen auf den Grill werfen.

„Haben die Leute, die hier vorher gewohnt haben, eigentlich irgendwas von den Nachbarn mitbekommen…“ frage ich beiläufig, während die Maklerin mir auf der teakholzgetäfelten Terrasse einen atemberaubenden Ausblick auf den Alexanderplatz und die Siegessäule zeigt.

„Ach, ob die hier ab und zu geklingelt haben? Von dieser Geschichte hat mir ihr Mann vorgestern schon erzählt. Nein, nein…,” winkt die nette Maklerin ab. “Die haben nicht ständig hier geklingelt. Also,… nicht, dass ich wüßte.”, fügt sie aber dann doch noch schnell hinzu. Freundlich zieht sie mich durch das Elternschlafzimmer ins daran angrenzende, kleinere Badezimmer, um mir die beiden “Zwillings-Waschbecken aus Naturstein” vorzuführen.

An den Rändern der beiden Naturstein-Waschbecken hat das Zähneputz- und Händewaschwasser über die Jahre leider schon so leicht milchig-weiße Ränder ins Holz gefräst.

Ich starre auf die häßlichen Wasserränder und überschlage im Hinterkopf direkt, wieviel es uns kosten würde, diese vollkommen unpraktische Waschtisch-Konstruktion eines Tages neu schreinern zu lassen. Ich kenne uns doch: keine zwei Wochen würden wir es durchhalten, das Ding jeden Abend nach dem Zähneputzen mit einer Handvoll Klopapier sofort wieder trockenzuwischen.

„Herzlichen Dank für die Besichtigung”, sage ich wenig später und lasse den Blick noch einmal durch die vollverglaste Wohnzimmerwand auf die Dachterrasse schweifen, auf den hellblauen Himmel über uns und auf die Bäume am Horizont, durch die vorhin die Siegesäule so golden hindurchglitzerte.

Im Treppenhaus stalke ich das Schuhregal des lärmempfindlichen Terrorpaars von unter uns. Zwei Paar Laufschuhe mittlerer Preisklasse, eine unbedruckte, eigentlich ganz okaye Fußmatte, ein blankgeputztes Messingschild mit den Nachnamen der Eigentümer. Bißchen spießig vielleicht. Aber eigentlich sieht der Krempel, der bei denen vor der Tür steht, ganz normal aus.

Beschwingt laufe ich die Treppe vom fünften Stock ins Erdgeschoss hinunter und sage mir, dass ich die Bedenken jetzt einfach mal alle über Bord werfen sollte. War doch eine Hammer-Wohnung!

Unten an den Briefkästen bleibe ich vor der Glasvitrine mit der Post von der Hausverwaltung hängen.

„Um die nachbarschaftliche Gemeinschaft wieder herzustellen, möchten wir darauf hinweisen, dass das Grillen im Sommer auf den Balkonen nicht öfter als 2 Mal im Monat zugelassen ist. Elektrische Grills sind von dieser Regel zwar ausgenommen, aber trotzdem sollte es untereinander Absprachen geben, um eine permanente Geruchsbelästigung der unbeteiligten Nachbarn zu vermeiden.“

Ich lese mir den Aushang einmal durch. Und noch einmal. Und dann raffe ich es endlich. Der Grill-Brief ist sowas wie ein Zeichen! Und das, was sich in mir regt, ist keine Bedenkenträgerei, sondern nur das pure Bauchgefühl. Wir werden hier einfach nicht reinpassen.

Mein Mann, seine Kids und ich, wir LIEBEN grillen. Im Sommer grillen wir nicht zwei Mal im Monat, sondern, wenn es draußen warm genug ist, oft auch zwei Mal am Tag. Gut, ich übertreibe hier jetzt ein bißchen. Aber Fakt ist: immer, wenn Würstchen im unteren Kühlschrankfach liegen, wird auch gegrillt. Ist eine unausgesprochene Familienregel.

Mein Mann legt beim Grillen meistens ein paar Schallplatten auf. Und Zimmerlautstärke kann man das, was da aus den Boxen herauskommt, eigentlich nicht mehr so richtig nennen. Ich glaube also kaum, dass wir die erste Seite der letzten „Daft Punk“-Platte überhaupt schon einmal umgedreht hätten, bevor es bei uns an der Tür Sturm bimmeln würde.

Mit einer Würstchensemmel in der Hand müssten mein Mann oder ich uns im Treppenhaus von den lärmempfindlichen Nachbarn von schräg unter uns oder von den grillempfindlichen Wutbürgern aus all den anderen Etagen zur Schnecke machen lassen. Sicher läge es an den Würstchen. Oder an der Musik. Oder am Ende doch nur daran, dass man so dreist wäre, sein Leben einfach ein bißchen zu genießen. Dass man die Muffen hätte, mal ein winziges bißchen über die Stränge zu schlagen in diesem Leben, dass ja so irre lang am Ende dann auch wieder nicht ist.

Als ich meinem Mann zuhause von dem Grillaushang erzähle, plumpst ihm fast der Topf mit der Béchamelsoße in die halbfertige Lasagne. „Also wenn wir uns eins nicht verbieten lassen, dann ist es ja wohl das Grillen“, sagt er fassungslos und rollt dabei das „R“ in „Grillen“ schon wieder so zauberhaft in seinem irischen Akzent, dass ich ihn ganz schnell an mich drücken muss.

(Foto: hausgemachte Pommes á la casa O’Connor)

Schwachsinnige Streitereien

Immer, wenn ich für ein paar Tage allein zuhause bin, lasse ich mich so richtig gehen. Ich wasche meine Haare nicht mehr. Ich stelle meinen Wecker nicht mehr. Und ich schlafe so lange aus, bis man das, was ich mir im Stehen an der Arbeitsfläche in der Küche so reinschiebe, schon nicht mal mehr Frühstück nennen kann. Und weil es ja niemand mitbekommt, esse ich morgens, mittags und abends der Einfachheit halber immer dasselbe. Entweder Butterbrote mit Käse. Oder Butterbrote mit Marmelade. Oder Butterbrote mit Käse UND Marmelade. Herrlich!  Wenn mein Mann davon wüßte, er würde direkt die Scheidung einreichen, so uninspiriert, eklig und trist fände er das.

Das Allerbeste am Alleinsein ist allerdings: endlich quatscht einem keiner mehr in das Netflix-Programm. Im Ernst jetzt! So schön das Zusammenwohnen als Paar die allermeiste Zeit ist, die Tatsache, dass wir bis in alle Ewigkeit darüber abstimmen müssen, welche Filme wir abends streamen, kann auch ein echter Downer sein.

Ganz gleich, wie vorsichtig wir das Thema angehen, immer gibt es kurz Streit. Und im besten Fall enden diese Streitereien glimpflich, also damit, dass ich entscheiden darf. Oder eben damit, dass ich mich von meinem Mann  in irgendwelche Serien reinquatschen lasse, die ich zwar ursprünglich nie hatte sehen wollte, hinterher aber noch viel süchtiger bin, als er selbst.

Einige verbringen ja aus genau diesem Grund den ganzen Abend in getrennten Zimmern. Dauerhaft. Sie im Wohnzimmer vor der Glotze. Und er im Arbeitszimmer vor der Glotze. Diese Abmachung klingt im ersten Moment zwar total super. Eingeführt haben wir sie aber trotzdem noch nicht.

Vor meinem Mann würde ich es niemals zugeben, aber ich habe einfach zu viel Schiss, dass all diese Abende vor getrennten Fernsehern mir eines Tages, wenn er mit einer 21-jährigen Projektmanagerin mit “Brazilian Landing Strip”, champagnerfarbenem iPhone und dem IQ von einer Toastbrot durchbrennen sollte, noch einmal ganz schlimm vorgeworfen werden könnten.

Das kennt man ja aus der Paartherapie! Bei den meisten Dingen, die man sich hinterher auf quietschgrünen Sesseln im Beisein der Therapeutin vorwirft, wußte man vorher, also während man sie tat, eigentlich ziemlich genau, dass sie jetzt nicht so unbedingt der Bringer für die Beziehung gewesen sein können (z.B. nachts mit Socken im Bett schlafen; Geburtstagsgeschenke für ihn besorgen, von denen eigentlich eher sie profitiert; ihn dazu zwingen, fünf Paar Sneakers aus seiner Turnschuhsammlung in einen Das-Rote-Kreuz-Container zu werfen und bei seiner Rückkehr gerade auf dem Display des DHL-Mannes die Entgegennahme von zwei Zalando-Kartons zu bestätigen).

Weil mein Mann (die allermeiste Zeit) ein sehr netter und humorvoller Mensch ist, empfahl er mir vor einigen Monaten sonntags beim Frühstück ein richtig spannendes Interview mit Cecelia Ahern auf dem Podcast “An Irish Man Abroad”. Und weil ich mir nach unserer Hochzeit im letzten Sommer vorgenommen habe, (die allermeiste Zeit) eine sehr nette und humorvolle Ehefrau zu sein, höre ich mir das, was mein Mann empfiehlt, mit etwa viermonatiger Verspätung auch hin und wieder mal an.

Cecelia Ahern spricht in diesem Interview mit Jarlath Regan über die Zeit während ihres Studiums, in der sie an Panikattacken erkrankte und ihre Dubliner Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Wochenlang schloß sie sich zuhause ein. Und weil sie einfach etwas dagegen tun musste, um in ihrer kleinen Wohnung nicht verrückt zu werden, schrieb sie in nur drei Monaten ihr erstes Buch “P.S. I Love you”.

Das Interview mit Cecelia Ahern hat mich so fasziniert, dass ich gestern Abend beschloß, mir den Film “P.S. I Love You” anzusehen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich den Hauptfiguren ihre Geschichte abnehmen oder nach einer Viertelstunde mit einer angebrochenen Tüte Chips im Gesicht auf der Couch vor lauter Langeweile wegpennen würde. Aber das tat ich nicht.

Im Gegenteil! Ab Filmminute 2 habe ich nur noch durchgeheult. Der Film zeigt, wie es ist, wenn einem der Ehemann viel zu früh wegstirbt (Gerry ist in diesem Film gerade mal Anfang Dreißig). Schlimm genug, dass Gerry nun also direkt nach den ersten Filmminuten schon wieder aussteigt. Hinterher trifft ab jetzt auch noch jeden Monat ein unfaßbar schöner Brief von ihm ein. Diese Briefe, die er seiner Frau heimlich vom Krankenbett aus schrieb, bevor er verstarb, sollen ihr Monat für Monat über seinen Tod hinweghelfen.

Als der Film zuende war, schmiss ich etwa hundertvierzig vollgeschneuzten Tempotaschentücher in den Müll und wäre im Bad beim Lichtmachen beinahe selbst abgekratzt, so sehr erschrak ich darüber, wie krass “Anton-der-kleine-Vampir”-mäßig meine Wimperntusche beim Heulen im Gesicht verschmiert war.

Beim Abschminken berappelte ich mich wieder. Ich war plötzlich froh darüber, dass ich noch lebte. Und dann war ich froh darüber, dass mein Mann noch lebt. Und dann war ich plötzlich gar nicht mehr froh, weil mir in diesem Augenblick einfiel, dass ich ihn wegen so vieler Kleinigkeiten oft ganz schön anzoffe.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schickte ich ihm ganz viele Herzchen und Emojis und bekam auch sofort ein paar Herzchen und Emojis von ihm zurück. Und dann schickte er mir Fotos aus der Kneipe (auf denen ein paar Gläser Guiness und dahinter verschwommen sein Bruder, ein guter Freund, der Barmann und keine einzige gewaxte Projektmanagerin zu sehen waren).

Ich schwor mir, mich nie mehr mit ihm über so unsinnige Dinge wie das Fernseh-Programm zu streiten. Als ich im Bett lag und die rechte Seite neben mir leer blieb, weil mein Mann gerade in einem ganz anderen Land in der Kneipe saß, da ahnte ich, dass wir die schwachsinnigen Streitereien untereinander irgendwann einmal vielleicht ganz schrecklich bereuen könnten. Mindestens so sehr, dachte ich, wie Holly sie in “P.S. I Love You” bereute. Und dann knipste ich das Licht aus.

Foto: Warner Bros. Pictures, Momentum Pictures

Was wir über Kamine wissen

perfektehaare

Sind dies nicht die perfekten Haare? Und ist es nicht das perfekte T-Shirt? Was auch immer da draufsteht, auf diesem perfekten T-Shirt. “Filles en rouge…” und so weiter. Ist es nicht der perfekte Hosenanzug, in den das Mädchen das T-Shirt so beiläufig reingesteckt hat? Und sieht es nicht so aus, als trüge sie hohe Schuhe? Weil die Hose doch so schön fällt, wißt Ihr.

Die Frage ist nur: was passiert denn jetzt? Warum trinkt sie Ihren Kaffee im Stehen? Wartet zehn Stockwerke weiter unten vielleicht schon ein Taxi auf sie? Ein Taxi, das sie zum Flughafen bringt. Und springt das schöne Mädchen von dort in einen Flieger nach Paris? Oder nach sonstwohin? Fliegt sie jetzt so, in diesem Aufzug, auf ein Shooting? Oder ist das hier gerade schon das Shooting, in dieser Wohnung, in diesem Moment, in einem für uns unsichtbaren Bereich vor dem Kamin?

Alles, was ich weiß, ist, dass ich das Foto von diesem Mädchen unbedingt aufheben muss. Weil der Haarschnitt cool ist. Weil die Haare cool sind. Und weil der Kamin da rechts am Bildrand, ja, weil auch der so cool ist. Findet Ihr Kamine auch so spitzenmäßig, wie ich?  Dann sollten wir uns dieses wunderschöne Exemplar unbedingt mal genau ansehen.

Ich gehe nämlich davon aus, dass eine oder mehrere von uns eines Tages karrieremäßig noch so unfassbar durch die Decke schießen werden und dass wir uns dann unbedingt ein Apartment in New York kaufen müssen. Weil wir einfach so viel drüben wären, auf der anderen Seite des Atlantiks. Und weil es uns auf Dauer einfach keinen Spaß machen würde, ständig in einem Hotel abzusteigen.

Und ist es nicht total gut, so ein Meisterstück von Kamin wenigstens schon einmal auf einem Foto gesehen zu haben, bevor uns ein Immobilienmakler kurz nach unserem möglicherweise bombastischen Welterfolg ein Apartment mit einem möglicherweise total häßlichen Standardkamin zeigt?

Ich nehme an, dass der Makler diesen häßlichen Retorten-Kamin bei der Besichtigung sicher total übertrieben abfeiern würde. Der sei “total state of the art“, und so weiter, jaja, schon klar.

Und in diesem eigenartigen Moment, in dem der Makler den Anruf eines anderen Kunden annähme und uns im leeren Wohnzimmer stehen lassen würde mit dem Gefühl, wir hätten doch eh keine Ahnung, was wüssten wir denn schon von New Yorker Kaminen, in exakt diesem Moment wüssten wir zwei Dinge.

Wir wüssten, dass er der vollkommen falsche Makler für uns ist.

Und weiter wüssten wir, dass die Wohnungssuche (mit einem netteren Makler) erst dann beendet wäre, wenn er uns einen so wunderbar antiken Kamin wie diesen hier zeigt. Einen Kamin, der total besonders ist, weil der Kaminbauer vielleicht so etwas abgefahrenes wie ein Relief aus der griechischen Mythologie dranmodelierte.

Wir wüssten, dass dieser Kamin so viel schöner wäre, als ein neuer. Weil er alt ist. Und nicht “nouveau riche”. Wir wüssten, dass dieser Kamin morgens für uns als Kaffeebar funktionieren würde. Als  Tresen, an dem wir frisch geduscht und mit halb geföhnten Haaren, im Hosenanzug und im weißen T-Shirt, an diesem Kamin lehnen und all unsere hyperaktiven Gedanken noch einmal sammeln könnten, bevor der Tag begänne. Und dass wir hier noch einmal ganz kurz für uns sein könnten, bevor der Taxifahrer unten vor dem Haus auf unsere Klingel drücken würde.

Komme gleich!, würden wir dem Taxifahrer durch die Gegensprechanlage zurufen. Und dann würden wir dem Liebespaar auf dem Relief mit der Fingerspitze kurz über seinen Rücken streichen und an unsere Liebsten denken.  An all die Menschen, die in diesem Moment gerade nicht bei uns in New York sein könnten.

Und wenn der Taxifahrer zum zweiten Mal klingelt, jetzt mehrmals hintereinander und deutlich ungeduldiger, dann würden wir den Kaffeebecher auf dem Kaminsims abstellen, uns den Rollkoffer schnappen, der schon fertig gepackt an der Tür stünde, wir würden unseren Kamin, den vielleicht schönsten Kamin der Welt, zurücklassen. Und endlich in den Tag hinausflitzen.

Foto: Fashion Gone Rouge/tumblr

Brides to be

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In diesem Frühling denke ich an die “brides to be”. An alle, die in diesem Jahr heiraten werden. Ich weiß, es klingt pathetisch, aber ich schreibe es jetzt trotzdem: Leute, wenn es Liebe ist, dann tut es! Weil heiraten so schön ist. Weil es hinterher so irre schön ist, verheiratet zu sein. Und weil man nach der Hochzeit sogar noch ein winziges bißchen mehr ineinander verliebt ist, als man es vorher war. Das nahm ich all denen, die es mir vor meiner Hochzeit erzählten, nicht so richtig ab.

Was soll denn so ein offizieller Termin an unserer Liebe ändern, fragte ich mich. Und dann stimmte es wirklich! Dann änderte dieser Termin tatsächlich ein bißchen was an unserer Liebe. Sie fühlt sich noch ein wenig verbindlicher an. Und zwar auf eine gute Art verbindlich.

Selten kommt es vor, dass ich nachts wach liege und ins Dunkle starre, weil die Liebe meines Lebens sich unglücklich auf die Seite legte, bevor sie einschlief und mir nun alle 3,5 Sekunden leise ins Ohr schnauft, während ich einfach nicht abschalte und einschlafe und etwas tue, was ich nachts vom Bett aus eh nicht ändern kann, also so etwas wie an all die E-Mails denken, die ich an diesem Tag nicht mehr beantwortet habe.

In diesen Momenten, in denen ich so völlig grundlos vor mich hinstresse, liege ich neben ihm und summe “Land unter” von Herbert Grönemeyer. Ich summe ganz leise ins Dunkle hinein und kann Grönemeyer’s Stimme beim Summen fast hören. Die Stimme eines Sängers, der die Zeile “Hab keine Angst vorm Untergehn” so warmherzig und ergreifend singen kann, dass mein rasendes Herz gleich etwas ruhiger schlägt. In einem Takt, der sich total richtig anfühlt. In einem Bett mit einem Mann, der jetzt “mein” Mann ist. Und der sich auch total richtig anfühlt.

Und dann fürchte ich mich vor nichts mehr. Weil es ja auch gar nichts bringt, sich davor zu fürchten, dass wir den Kampf gegen das E-Mail-Postfach eines Tages verlieren werden. Oder, dass glückliche Tage irgendwann enden könnten.

Dann denke ich an Grönemeyer’s bezaubernde Zeilen.

“Der Wind steht schief
Die Luft aus Eis
Die Möwen kreischen stur
Elemente duellieren sich
Du hältst mich auf Kurs
Hab keine Angst vor’m Untergehn
Gischt schlägt ins Gesicht
Kämpf mich durch zum Horizont
Denn dort treff ich dich.”

Hach, Gänsehaut, wenn ich nur an dieses Lied denke. Am schönsten ist es in der “Live”-Version. Schaut mal, hier gibt’s ein Video…

Also, liebe “Brides to be”. Wenn ich nicht schon verheiratet wäre, dann wäre das wunderschöne “Daisy Cape Dress” aus der “Sans Souci”-Kollektion etwas für mich:

 

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Ist Euch zu geblümt? Wie wäre es denn dann mit diesem hier?

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Es heißt “Callas”.  (Und sagt das nicht schon alles, was man über ein Kleid wissen muss?!) Ist es nicht wunderschön?

Das Hochzeitskleid, das ich im vorigen Sommer trug, verdanke ich übrigens meiner großartigen und stets top informierten Freundin Alexa. Sie schickte mich im Februar letzten Jahres auf einen “Kaviar Gauche”-Sale in die Luckenwalder Straße und sparte mir mit diesem Tipp eine unfassbare Stange Geld, die ich sofort in ein paar Glitzer-Pumps für die Hochzeit steckte. Danke, liebe Lexi! Danke, danke, danke.

Und jetzt höre ich mich noch ein bißchen durch die alten Grönemeyer-Platten.

Habt einen glitzernden Februar!
(Und denkt nachts nicht an Eure E-Mails. Werde ich auch nicht mehr so viel tun, versprochen.)

Fotos: Kaviar Gauche

Raumschiffe fliegen lernen

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Foto: hellopetersen auf Instagram

“Warum spielen wir nicht mal wieder etwas zusammen?”, fragten die Kinder am Wochenende und zogen das Star-Wars-Puzzle aus dem Schrank, für das sie im vorigen Jahr noch etwas zu klein waren.

Der jüngere trug das Puzzle in die Küche und setzte sich auf seinen Kinderstuhl. Dann kam der ältere dazu.

Ich stellte ein paar Kekse auf den Tisch und dachte plötzlich an Natalie Portman.

Portman spielt in “Star Wars” die großartige Padmé Amidala. Immer, wenn ihr langweilig ist, braust Padmé mit dem “Millenium Falcon” durch das Weltall. Nie fragte sich Padmé, ob sie es überhaupt schafft, das größte Raumschiff aller Zeiten zu lenken? Oder ob ein Mann das alles vielleicht viel besser könnte?

All diese Fragen stellt sich Padmé, während sie so im “Millenium Falcon” sitzt und dabei zusieht, wie am Fenster gerade in Lichtgeschwindigkeit die Milchstraße an ihr vorbeirast, ganz sicher nicht.

Padmé tut es einfach. Sie zögert nicht lang, sondern wirft sich auf den verschlissenen Pilotensitz, drückt ein paar Knöpfchen und dann hebt der Flieger auch schon ab.

Ich setzte mich zu den Jungs. Die Kinder öffneten den Karton, kippten die Puzzleteile aus und fragten mich, ob ich mit dem Rand beginnen könnte. Klar konnte ich das!

Während wir Kekse aßen und lospuzzlten, dachte ich an Padmé. Wenn ich mir in Zukunft ein bißchen was von ihrer Attitude abschaute, dachte ich, dann sähen meine Tage vielleicht schon bald ganz anders aus.