Und weiter…

 At the window

Ein Jahr fast zuende, ein neues in Sicht. Eins, das sich schon wieder so anfühlt, als wären es drei gewesen. Das irre Spaß gemacht hat. Und manchmal auch einfach irre nervte. Ein Jahr, in dem ich etwas neues ausprobierte und dabei ganz wahnsinnig viel lernte. Zum Beispiel darüber, wie toll es ist, wenn man seine supergemütliche “comfort zone” verlässt. Und wie beknackt das dann auch manchmal sein kann. Wie wunderbar, wenn man in diesen Wochen und Monaten plötzlich neue Menschen kennenlernt, die genau dies auch tun: etwas neues ausprobieren. Und die mit den neuen Dingen auch schon grandios ins Schleudern geraten sind. Und trotzdem weitermachen.

Im Herbst traf ich zwei jungen Frauen, die mich in eine rappelvolle Fabriketage einluden, in der ihr gutgelauntes Berliner Team knallbunte Klamotten für den wahrscheinlich erfolreichsten “Dawanda”-Shop Deutschlands fertigen. Bei Kaffee und Keksen verrieten sie mir tausend unbezahlbare Dinge (für die man in Start-up-Kursen ein Vermögen hinblättert), während ich mit weit aufgerissenen Augen dem bunten Treiben in ihrem Loft zusah und mir ein knuspriges Mandel-Spekulatius nach dem anderen in den Mund schob.

Ich begegnete Menschen, die in Berlin leben und -so wie ich – “Petersen” heißen (wir Petersens treiben uns eigentlich traditionell nur in Norddeutschland herum). Und diese Petersens bringen mir seit Monaten grinsend die Post in mein Büro, weil der Briefträger sie immer noch fälschlicherweise in den “Petersen”-Briefkasten des Nachbarhauses wirft und annimmt: zweemal “Petersen”, und det gleich Haustür an Haustür? Nee, also verschaukeln kann ick mir selber.

Oder ich traf solche, die spontan einen Karton mit Weinflaschen aufreissen und einen Wahnsinns-Weißwein durch die Ladentür reinreichen. Aus Dankbarkeit darüber, dass wir für einen halben Nachmittag einen Karton zwischenlagerten, den die Post nicht ausliefern konnte.

Ein Jahr, an dessen Ende ich ein wenig mehr zu der Einsicht kam, dass man die Meßlatte nicht immer so wahnsinnig hoch hängen muss. Nicht in seiner Sicht auf andere. Und auch nicht an sich selbst. Ein Jahr, in dem ich nachlässiger werden wollte – und es tat. Eins, in dem ich mit den Kindern meines Freundes zur Schlafenszeit immer mal wieder eine alte “Heidi”-Folge schaute und für den Rest des Abends mit den Kleinen ganz aufgebracht rätselte, wo denn Heidis Pflegevogel “Piep” nur hingefolgen sein könnte. Ein Abend im Herbst, an dem es guttat, einen Dreijährigen eine ganze Stunde lang nach dem Ende der “Heidi”-Folge noch über das Wohl- und Unwohl-Sein des Zeichentrick-Pflegevogels lamentieren zu hören. Und einzusehen, dass vieles, worüber ich locker mehr als eine Stunde lang herumlamentiere, ja überhaupt nicht wichtig ist. Zumindest nicht wichtiger als “der Piep” (der am Ende glücklicherweise nur gesund genug gewesen war, um mit den Zugvögeln über den Winter in den Süden zu fliegen).

Ein Jahr mit einem Oktobertag, an dem ich  mich zum allerersten Mal (!) bei einer anfliegenden Erkältung wirklich SOFORT ins Bett legte, und dass, obwohl ich es mit einer Maxi-Packung Aspirin Complex definitiv noch an den Schreibtisch geschafft hätte. Eine Oktobererkältung, während der ich unter Wärmflasche und Bettdecke begraben auf meinem Rechner eine große, neue Liebe entdeckte (tumblr). Und eine zweite (die wunderbar seichte TV-Serie “Smash” über eine New Yorker Musical-Crew und ihre Produzenten – danke, liebste Kerstin!).

Ein Jahr, das mir Alexa brachte: kein Tag, an dem wir in der Brunnenstraße nicht gemeinsam Tränen gelacht hätten!

Und ein Jahr mit Freundinnen, die ihre Kinder mal Kinder sein ließen und die fünf Emails, die sie abends im Büro noch schreiben wollten, einfach nicht mehr schrieben, um rechtzeitig vor den Tellern mit den legendären Feigen-Spaghetti im “Mädchenitaliener” zu sitzen (oder vor den Cheeseburgern im “White Trash”, den Spaghetti al arrabiata im “Pappa e ciccia”, den Damenschnitzeln im “Alt Wien”…).

Ein Jahr, das für einige meiner Liebsten manchmal furchtbar war und mir zeigte, dass das allerbeste, was man tun kann, oft nur dies ist: eine Hand zu halten. Und mit der anderen den Kellner heranzuwinken und Champagner zu bestellen. Oder Schnaps. Oder beides. Und dann einfach weiterzumachen.

Foto: Circa