Brav sein

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… and then what? “My future self” kann doch schon mal dankbar sein, dass ich einen “ordentlichen” Schulabschluss habe und dann brav Grafik-Design studierte – und NICHT Kunst, was ich ja eigentlich lieber gemacht hätte, mich dann aber dem Urteil zweier Erwachsener fügen musste, in deren Haus ich als älteste Tochter aufwuchs. Gerade erst hatten sie meinen Führerschein bezahlt. Jetzt wollten sie auch sehr gern darüber mitentscheiden, für welches Studienfach die Kröten, die für die Uni vorgesehen waren, ausgegeben werden sollten. Aber ich will nicht jammern, Grafikdesign wäre dann auch eh gleich meine zweite Wahl gewesen. Und ist ja alles gut ausgegangen. I am a happy (graphic) designer. Es könnte schlimmeres geben. Andere Leute müssen ganze Anwaltskanzleien der Eltern übernehmen. In Kleinkallebyehaff! Und es können ja auch nicht alle Jonathan Meese werden. Oder Cy Twombly (mein Lieblingskünstler!).

Aber mit dem “Immer schön brav sein” ist jetzt Schluss. 1988 erschamm ich mir das Bronzene Schwimmabzeichen, bestand vorbildlich eine Fahrradfahrprüfung mit meinem 24er-“Pegasus” Mädchenfahrrad (in hellrosa), spielte 9 Jahre lang Akkordeon und übte immer regelmäßig für die Konzerte mit dem Orchester. Ich putze bis heute immer schön 3 Minuten lang die Zähne, machte vor, während und nach der Uni neun un- oder unterbezahlte Praktika, keine einzige Weltreise, kein einziges Collegejahr in Amerika, kein Erasmus, kein Sabbatical in Italien (um dort endlich das mafiamäßige Italienisch zu lernen, dass ich gern sprechen können würde). Immer schön im Sinne des effizienten Leistungsträgers: keine 2 Minuten für nihilistisches “Herumtrödeln” im Ausland verschwendet. Auf coolen Parties ging ich oft nach dem dritten Gin Tonic nach Hause (nach dem vierten dann aber wirklich…), um den hier schon mal erwähnten Vodianova´schen Schönheitsschlaf zu halten. Und um -jetzt kommts- am anderen Tag fit für den Job zu sein. Ich habe zwei verschiedene Sparkonten, auf die ich ab und zu was drauftue (jetzt schon länger nicht, ähem). Ich gratuliere Krethi und Plethi zum Geburtstag, backe manchmal Geburtstagskuchen, beteilige mich immer großzügig an allen Geldeinsammelrunden im Büro, z.B. für die Frühverrentung von Klaus Irgendwas oder die Babyshower der Kollegin aus der Buchhaltung, die leider schon in den Mutterschutz gegangen war, als ich kam.

Und wenn ich mal länger ausschlafe, habe ich gleich Angst, das Bruttosozialprodukt der ganzen Bundesrepublik mit meinem verantwortungslosen Verhalten runterzureißen. Ja, wer so brav lebt, wie ich es lange tat, der ist dann auch einfach selbst schuld. Es hat 32 Jahre gedauert, bis ich es raffte. Seit vorigem Sommer mache ich einfach nur noch das, was ich möchte. Voll “unambitioniert”. Nur noch Petersen. Und wisst Ihr was: ich bin soooo, so froh.

Seitdem habe ich auch nichts mehr auf das Sparkonto getan. Sondern es für 289 Becher Coffee to go ausgegeben. Und oft noch eins von den teuren, frischgebackenen Croissants dazugenommen. Täglich (manchmal mehrmals täglich) ein 5 Euro-Snack für unterwegs… das darf man dem Sparkonto ja gar nicht verraten.

Und vorigen Sommer passierte folgendes: ich wurde von meiner Bank heruntergestuft, weil ich jetzt nicht mehr das fette Gehalt einfahre, das ich in meinem früheren Job hatte. So schnell geht das. Und das im allerersten Monat nach dem “geringeren Geldeingang”. Seitdem bin ich nicht mehr Premium-Kunde. Sondern nur noch eine ganz normale, deutsche Durschnittswurst. Hatte ich eigentlich jemals darum gebeten, Premiumkunde zu werden? Nee. Im Job befördert worden. Einmal das neue Gehalt auf das Konto überwiesen bekommen. Prompt kam Post: “Herzlichen Glückwunsch! Sie sind jetzt Premiumkunde!” Ach so. Toll.”Hier ist Ihre Durchwahl für Premiumkunden: 030-12 34 567. Unter dieser Durchwahl können Sie Tag und Nacht anrufen. Ein Kundenberater ist immer für Sie da.” Eine Premiumkunden-Durchwahl? Und das war´s? Wofür man die braucht, ist mir bis heute ein absolutes Rätsel. Ich habe sie in all den Monaten kein einziges Mal in Anspruch genommen.

Was Premium-Kunden nicht bekommen: eine schwarze oder eine Platin-Kreditkarte (hätte ich gerne mal gehabt, um damit im Duty-Free-Shop am Flughafen beim Kauf einer Packung M&M´s rumzuprollern). Keine Premium-Auslandsreisekrankenversicherung mit Rundumschutz (hätte ich auch genommen). Nicht einmal einen schicken Aktenordner mit der Prägung “Premium-Kunde” für die korrekte Aktenablage zuhause (den hätte ich auch wirklich benutzt, wie alle anderen Aktenordner und Kugelschreiber, die ich irgendwo als Werbegeschenk überreicht bekomme und dann rentnermäßig zu brav bin, sie zuhause zu entsorgen, weil sie “ja noch gut” sind).

Was man als Premiumkunde offensichtlich SOFORT bekommt: Post mit der kurzen Info darüber, dass man den Premiumkunden-Status verloren hat, wenn man sein fettes Gehalt nicht mehr reinholt. Weil man – vielleicht ja so wie ich – den betriebswirtschaftlichen Oberwahnsinn begeht und sein eigenes, kleines Label gründet. Man muss nur wagen, einen Schritt vom Weg des Overachievers abzukommen, mal was finanziell total Bescheuertes zu machen. Und -zack- weg ist der Premium-Status.

Mir selbst war´s auch sofort total wurscht. Im Ernst jetzt. Wegen einer Direkt-Durchwahl? Hellooo? Aber während ich den Brief von der Bank las, im vorigen Sommer in der Graefestraße unten an den Briefkästen, da dachte ich an all die Menschen, die Ihren Job nicht selbst kündigen, so wie ich es nach langer und reiflicher Überlegung aus vielen unterschiedlichen Gründen tat. Nee, ich musste an die denken, die mal eben zu Ihrem Chef reingerufen werden, die Personalakte liegt schon auf dem Schreibtisch, der Chef schaut drein, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen und nach einer kurzen Schreckenssekunde ahnt man´s auch schon… (neulich erst einem Freund passiert).

Wie mies es sich doch anfühlen muss, als alleinverdienender Familienvater erst den Job zu verlieren, es der Frau zu erzählen, den Kindern, den Schwiegereltern… Den Freunden aus dem Sportverein vielleicht lieber noch nicht, damit nicht alle so betroffen gucken. Und dann kommt prompt Post von der Bank, man wolle nur kurz mitteilen, dass der Premium-Kundenstatus jetzt entfalle. Oder, Momentchen, ganz so sei es ja doch nicht. Man könne sich beruhigen, der Status bleibe noch bis zum Jahresende erhalten. Der Kundenberater wolle im Namen der (großen, deutschen) Bank nur kurz darauf aufmerksam machen, dass es niemandem entgangen sei, dass der gutbezahlte Job weg ist. Mein Verdacht: es entgeht vor allem dem vorprogrammierten Computer-Feature nicht, das sicher gleich einen “Alert” auswirft und die Leute elektronisch effizient in eine andere Kundensparte umsortiert, sobald ein gewisser Geldbetrag unterschritten wird, der vorher regelmäßig aufs Konto einlief.

Wie mies. Also, Premium-Kundenstatus… my ass. Ich würde sogar sagen: das Leben NACH dem Premium-Status macht erst richtig Spaß. Was hat man denn schon noch zu verlieren, wenn die 24/7-Direktdurchwahl erstmal weg ist? Klar, das Sparkonto ist seitdem auf Antidepressiva. Aber das war ja auch vorher schon immer so launig.

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