Urlaub einreichen

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Ich will die “arbeitende Bevölkerung” heute nicht mit meinem Berliner Freiberufler-Leben nerven. Aber ich mach´s trotzdem kurz: ich fahre in den Urlaub. 16 Tage Asien. 11 davon sind “Werktage”. Die habe ich bei “Petersen” schriftlich beantragt, ein paar Tage in der Ablage rumliegen lassen, mir hinterher großzügig selbst genehmigt und korrekt in den Urlaubskalender eingetragen. Nicht, dass  man mir nachsagen würde, ich hätte mit den Urlaubstagen beschissen. Oder würde mich immer nur durch die Brückentage-Wochen tricksen. Aber halt! Weil ich meine Urlaubstage ja nur noch vor mir selbst rechtfertigen muss, ist das hier natürlich alles Quatsch.

Letzte Woche sagte ich ja erst, wie froh ich über “Petersen” bin. Besonders froh immer dann, wenn ich an die frühere Urlaubstage-Rumrechnerei im Büro denke. Und an das Rumgeschachere um die offiziellen Feiertage, an denen ich selbstverständlich nicht unwesentlich beteiligt war (“Nee, also DU hattest doch voriges Jahr an Ostern UND an Himmelfahrt frei. Deshalb seh ich´s jetzt echt nicht ein, warum ICH über Pfingsten nicht zum Mau-Mau-Spielen nach Borkum fahren kann, weil Deinem Schwiegervater zeitgleich eine Krampfader entfernt wird.”).

Und wenn dann irgendwann diese alljährliche E-Mail des Abteilungsleiters kam, man müsse seine Urlaubswünsche für das Jahr 2018 und 2019 schnellstmöglichst einreichen, da ja wie immer klar sei, dass nicht auf alle Wünsche so ganz hundertprozentig eingegangen werden könne, wurde es schlagartig still auf der Etage. Jeder, der fest angestellt ist, weiß: jetzt ist Polen offen.

ALLEN geht es ja eigentlich um dieselben zwei-drei Wochen im Juli. Man versucht also, so dezent wie möglich auf die Seiten schulferien.org und flug.de zu gelangen. Manchmal ist ein leichtes Verrücken des Monitors nötig, damit auch wirklich niemand den Bildschirm einsehen kann. Superfreundschaftlich gesinnte Kollegen schauen einander von Ihren vollgepackten Schreibtischen aus in dieser Zeit schief an. Wenn das Telefon des Tischnachbarn klingelt und dieser gerade nicht am Platz ist, geht man EXTRA nicht ran. Oder “vergisst” hinterher einfach, die Infos weiterzugeben. Leute, die sich nach der Mittagspause immer wechselseitig Kuchen vom Bäcker mitgebracht und die ALDI-Sprühsahne geteilt haben, tun dies erstmal NICHT mehr. Vier Tage hält der Krieg an. Und dann ist alles ausgeknobelt.

Die Kinderlosen, Unverheirateten, zu denen ich bis jetzt immer gehörte, sind während dieser Zeit eigentlich aus dem Schneider: es sind ja nicht die christlichen Feiertage, um dies es hier geht. Um die kämpfen wir selbstverständlich auch mit allen (!) zur Verfügung stehenden Waffen. Wir Kinderlosen dürfen während der Schulferien ja aber eh nicht frei nehmen, weil z.B. Kollegin Schultze-Friemel, zweimal geschieden und jetzt glücklich mit Kater Findus in Patchwork-Familie lebend, allerdings mit insgesamt vier Kindern aus drei verschiedenen Bundesländern, die man alle unter einen Hut…  Egal. Wir Kinderlosen bringen während dieser “Chaostage” obligatorisch Kuchen für alle mit. Und eine etwas bessere Sprühsahne, z.B. mal eine von KAISERS (“krass!”). Hinterher wird noch eine schöne Runde auf Net-a-porter herumgesurft und nach Sommerklamotten geschaut. Geld spielt ja auch einfach überhaupt keine Rolle mehr bei all den Pieselotten, die wir für den Urlaub während der offiziellen Schulzeit so sparen.

Heimlich sind wir, jetzt so in unserem Alter, doch auch ein bißchen neidisch auf alle Kollegen, die mit dem Nachwuchs in den Süden düsen und hinterher ganz bezaubernde Fotos von den kleinen Mäusen in Sonnenhut und Schwimmflügeln herumzeigen, während wir in der Nachwuchsfrage selbst noch schwer mit dem Wie und Ob und Wann beschäftigt sind. Aber das würden wir offiziell natürlich niemals zugeben. Schon gar nicht in den Momenten, in denen wir den Karton von Net-a-porter ins Büro liefern lassen, ihn nach der Mittagspause vor den Kollegen im Großraum öffnen und allen Ernstes behaupten, wir würden uns seit Jahren nicht mehr “in dem Schrott” von Zara und H&M an den Strand legen, das sei ja wohl “das letzte”. Stimmt natürlich so nicht ganz. Wer würde denn seine brandneue Net-a-porter-Bestellung mit fettiger Sonnencreme und Salzwasser-Rändern ruinieren?  Aber wir tun einfach, als wäre das ja so was von klar. Und hoffen, dass man es uns ein bißchen nachsieht. Wir sind jetzt über Dreißig, mittendrin also in diesen Jahren, in denen wir nicht so richtig wissen, ob wir denn noch und wann eigentlich… Und eines Tages werden wir sicher die A-L-L-E-R-meisten Schwimmflügel-Fotos herumzeigen. Ach was, wir werden unseren Nachwuchs dann soooo niedlich finden, dass wir die Schwimmflügel-Fotos einfach ungefragt per Email an alle, also an das ganze Büro verschicken werden. Im Bild-Hintergrund wird dann auch ganz deutlich zu sehen sein, dass wir sehr wohl in Zara- und H&M-Outfits am Strand herumhocken. Und wenn die jüngere Kollegin übergroße Shopping-Boxen ins Büro bestellt, werden wir nachsichtig lächeln. So, wie man es bei uns immer getan hat.

Foto: A drawing diary on Tumblr