Songs schreiben

2013-Taylor-Swift

Ich mach´s jetzt so wie die US-Country-Sängerin Taylor Swift: immer, wenn ich “Beef” mit jemandem habe, schreibe ich gleich einen Song darüber. Im Gegensatz zu mir hat Taylor Swift, Jahrgang 1989 und seit ihrem elften Lebensjahr ein Bühnenprofi, allerdings ausschließlich Ärger mit Männern. Ich hingegen ärgere mich oft und viel über mich selbst. Und zwar am meisten über die Tatsache, dass ich mich bei einer Meinungsverschiedenheit stundenlang aufrege, keinen klaren Gedanken fassen und nicht mal eine Flasche Hohes C aus dem Kühlschrank holen kann, ohne dabei zu schimpfen wie ein Rohrspatz. Und dies alles selbstverständlich in Abwesenheit der betreffenden Person, was eine wahnsinnige Energieverschwendung ist und alle Beteiligten kein bißchen weiterbringt. Besser wäre es, alles binnen Minuten profimäßig abzureißen, klare Ansagen zu machen und völlig unbeleidigt zu reagieren, wenn hinterher irgendwer kräftig zurückzickt.

Bis heute habe ich nicht verstanden, dass zwei Meinungen manchmal nicht zusammenzubringen sind, dass sie aufeinander treffen müssen und es dann halt auch mal kracht. Männer können das generell besser. Mir sind auch einige Frauen bekannt, die das ganz beeindruckend und knallhart durchziehen. Als ältestes von vier Geschwistern ist es mir allerdings immer am liebsten, wenn jeder einfach bestens und konfliktfrei miteinander auskommt, weil es früher schon immer gleich auf mich zurückgefallen ist, wenn es mir nicht gelungen war, uns vier Entlein dazu zu bringen, schnatternd und frei von Gezeter, mit frisch aufgeflufftem Gefieder und der Größe nach sortiert ganz dicht hinter unseren Eltern in Richtung Entengrütze zu schwimmen. Dass dem individuellen Entlein gerade mal danach ist, in eine andere Richtung zu schwimmen, kann für so eine Entenfamilie schnell gefährlich werden und ist aus Sicherheitsgründen strikt verboten. Antiautoritäre Erziehung hin oder her (so schrecklich antiautoritär, wie ich es gern behaupten würde, war meine Erziehung auch gar nicht), die Mehrheit entscheidet. Basta.

Noch heute richte ich mich gern danach, was die basisdemokratische Mehrheit entschieden hat. Wenn gelegentlich mal ein Alphatierchen um die Ecke kommt und das Ruder an sich reißt, weil es schon riecht, dass von meiner Seite nicht viel Widerstand zu erwarten ist, versuche ich mich ausnahmslos immer mit möglichst wenig Kollateralschaden durch die Hintertür zu verdrücken. Streit und Machtgetue finde ich einfach uncool. Wobei es manchmal sicher hilfreich wäre, beides ein wenig cooler zu finden.

All dies reicht wahrscheinlich nicht mal ansatzweise für einen radiofähigen Taylor-Swift-Song. Die nervtötenden Nebensächlichkeiten, über die ich selbst zwar an den Rand der Verzweiflung gerate und die mich, wie vorgestern morgen, zuhause auf dem Sofa spontan in Tränen ausbrechen lassen, sie sind für jeden anderen Bundesbürger wahrscheinlich maximal uninteressant.

Für jeden uninvolvierten Menschen ist das, worüber ich manchmal so vor mich hinschluchze, völlig belangloser Quatsch aus der ganz normalen Tagesroutine, mit der sich jeder erwachsene Mensch halt dauernd so rumschlagen muss. Während mein Freund in Momenten, in denen es darauf ankommt, durchaus das psychologische Feingefühl meiner Lieblings-Homöopathin an den Tag legen kann, wird mein Geplärre wegen Alltagsgeplänkels eigentlich immer mit dem Satz “Ich weiß jetzt wirklich nicht, was genau schon wieder Dein Problem ist” abgebügelt.

Hilfreich für die medienwirksame Implementierung meiner Songs wäre sicher auch ein Promi, dessen mieses Fehlverhalten offengelegt wird, so wie es bei Taylor Swift immer der Fall ist. In ihren Songs sind bisher unter anderem schon Ex-Lover vom Format eines Jake Gyllenhaals (“Brokeback Mountain”, war vorher mit Natalie Portman, Kirsten Dunst und Reese Witherspoon liiert), John Mayers (Rockstar, Ex-Lover von Jennifer Aniston, u.v.a.) oder Harry Styles (Bandmitglied der Teenie-Band “One Direction”) öffentlich abgewatscht worden.

Songs wie “Better than revenge” (“…She’s not a saint, And she’s not what you think, She’s an actress, whoa. She’s better known, For the things that she does, On the mattress, woah…”) laufen gleich nach ihrer Veröffentlichung so oft im Radio rauf und runter, bis eingefleischte Taylor-Swift-Fans den Namen des entsprechenden Promis im Internet preisgegeben und ihn so dermaßen verschaukelt haben, dass die kleinlauten Herren tatsächlich ihre Manager vorschicken, um öffentlich darüber zu jammern, dass es jetzt aber wirklich nicht nötig gewesen wäre, gleich einen Song über das Ende der Beziehung zu schreiben. Desweiteren sei Swift genau genommen auch gar nicht innerhalb eines 27-sekündigen Telefonats verlassen worden, wie sie es in ihrem Song  behaupten würde, läßt ein Ex-Boyfriend von Swift ernsthaft über seine PR-Abteilung verlauten. Die beleidigte Taylor habe ihn, den ehemaligen Disney US-Kinderstar Joe Jonas, am Handy nur nicht anhören wollen und dann einfach aufgelegt. SO sei das nämlich wirklich gewesen. Herrje.

Meine “eigenen” Songs betreffend, habe ich jetzt nur noch folgendes Problem: ich kann gar nicht singen. Also nur so mittelmäßig. Ich war zwar bis zum Abitur im Schulchor, wurde aber von der Musiklehrerin in der 5. Klasse gleich nach dem Vorsingen für die Chorbesetzung mit dem Kommentar “…für eine solide Alt reicht´s wohl” in eine gesangliche Schublade gesteckt, aus der ich mich bis heute mental noch nicht befreit habe. Das hat damals ein für alle Mal gesessen. Sicher, nichts spricht gegen eine solide “Alt”-Stimme. Der Chor kann ja nicht nur aus Sopranistinnen bestehen, wo kämen wir denn da hin. Die britische Sängerin “Adele” verdient Millionen mit ihrer hammermäßigen “Alt”-Stimme. (Man möge mich bitte korrigieren, wenn ich das Stimmvolumen jetzt fachlich völlig falsch einsortiere.) Aber mich mit “Adele” zu messen, das wäre wohl das letzte, was ich an gesanglicher Selbstüberschätzung noch zustande bringe. Es bleibt also dabei. Ich kann nicht singen.

Aber was soll´s. Andere können schön singen, ich offensichtlich nicht. Macht ja auch nichts. Ich kann also hier und heute bereits mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, dass ich nicht zu den Frauen gehören werde, die sich für den Gesangsunterricht anmelden, wenn die Kinder irgendwann mal aus dem Haus sind. Auch dann nicht, wenn eine Freundin gern zusammen mit mir hingehen würde, als eine Art gemeinsames Freundinnen-Hobby, weil sie zu diesem Zeitpunkt ganz besonders unglücklich darüber ist, dass ihre Kinder gerade zum Studieren in das entfernte Harvard oder Stanford abgeflogen sind, während mein Sprössling sich mit jahrelangem Nachhilfeunterricht im Gegenwert eines durchsanierten Gründerzeit-Mehrfamilienhauses gerade noch so durchs Abitur schleppte. Nach ein paar Schaumparties in Lloret del Mar wird das Bürschchen statt nach Stanford mit einem Lidl-Ticket in Richtung Provinz-FH abgezuckelt sein, um dort vermutlich alles andere zu tun, als ernsthaft an irgendwelchen Vorlesungen teilzunehmen. Lieber noch würde ich mich für einen Seidenmalerei-Kurs oder Töpfern anmelden, um diese vereinsamte Freundin mit den Elite-Kindern zu trösten. Oder für eine Wanderung auf dem Jakobsweg, auch dafür wären wir zwei dann genau in dem richtigen Alter.

Foto: Taylor Swift via Currentnightandday.com