English breakfast

Sting 1985 Bring on the night video

Man darf es offen kaum zugeben, schon gar nicht hier in Berlin-Mitte, wo ich mich gleich ernsthaft noch aus dem Haus trauen möchte, um mich auf einen Kaffee mit meiner Freundin Kerstin zu treffen, die ich lange nicht gesehen habe, aber: seit ein paar Tagen bin ich ganz verliebt in den jungen “Sting”. Also in den von 1985, der in einem ganz bestimmten Video auf youtube so herzzereißend “Fortress around your heart” singt, dass ich schon die ganze Zeit einen Kloß im Hals habe, so sehr bin ich hingerissen von Sting. Das Lied stammt übrigens aus seinem ersten Soloalbum nach dem Ende von “The Police”. Das Album “The Dream of The Blue Turtles” wurde mit ein paar hammermäßigen Jazzmusikern eingespielt, auch die kommen in diesem Video vor und dancen und spielen so lässig, dass man sich gleich wünscht, man würde in seinem nächsten Leben doch bitte, bitte als Bandmusiker wiedergeboren und müsste von morgens bis abends nichts anderes  tun, als im Jogginganzug halbwegs rechtzeitig bei der Bandprobe aufzutauchen und tanzend ein bißchen auf dem Keyboard in die Tasten zu hauen.

Das Sting-Video muss aber ganz oft angeschaut und sehr, sehr laut gehört werden, sonst springt der Funke nicht über (und man wird am Ende denken, ich sei also dann heute endgültig übergeschnappt.) Aber wie kann man denn auch nicht verliebt sein in einen so hübschen – und damals noch jungen – Mann? Einer, der solch “rührige” Songs schreiben kann und das Herz ganz offenbar genau an dem Quadratzentimeter seines Brustkorbs sitzen hat, an dem man es bei einem Mann meiner Meinung nach gern vorfindet. Genau an der Stelle nämlich, die verantwortlich dafür ist, dass der Mann bei “Finding Nemo” ebenfalls ein heimliches Tränchen verdrückt, weil es ihn so dermaßen berührt, dass Nemos Papa (“the overprotective father”) den Sohn Tag für Tag kaum an der Pforte der Vorschule für kleine Fische abgeben kann, so sehr fürchtet er, dass der Lehrerfisch den Überblick über all die Fischkinder verlieren und Nemo Verschütt gehen könnte.

Ich wäre schwer beeindruckt, wenn mich jemand morgens mit einem Song im Format von”Fortress around your heart” aufwecken würde, während ich wie üblich noch unter meiner Schlafbrille vor mich hinschnorchle. Dann ein bißchen Frühstück, hätte Sting selbstverständlich alles schon vorbereitet. “English Breakfast”, also Earl Grey, Scones, Orangenmarmelade, frisch gepresster Saft. Und hinterher könnte er sich noch ein wenig ans Klavier setzen und ein Lied schreiben, in dem ich idealerweise eine extrem charmante und sexy Rolle spiele. Wenn Sting denn nochmal der Sting von 1985 wäre. Und ich? Nochmal die von 1985? Gott bewahre, das war ja noch meine Prä-Zahnspangen-Ära. Und während dieser “Hasenzahn-Jahre”, für die ich mich heute noch bei dem Anblick meiner Fotos aus dem Album “Klassenfahrt nach Oberstorf 1992” in Grund und Boden schäme, während dieser Zeit also hätte ich bei dem jungen Sting auch einfach null Chancen gehabt. Der Mann war längst bombenfest mit Trudie Styler liiert. Und ich mit meiner Mathe-Nachhilfe.

Eigentlich war der Platz in meinem Herzen, der für das Anhimmeln von tollen Songwritern vorgesehen ist, bis heute auch an Eirik Glæmbek Bøe und Erlend Øye von “Kings of Convenience” vergeben. An zwei schnuckelige Nerds, die ebenfalls ganz wunderbar sensible Texte mit Kloß-im-Hals-Potential schreiben können.

Aber da muss Sting mir auf youtube mit Kornblume im Knopfloch nur ganz kurz schöne Augen machen, schon bin ich seit heute morgen für nichts mehr zu gebrauchen. Lange wirds vielleicht nicht vorhalten mit meiner Schwärmerei, er ist ja auch einfach nicht mein Alter. Und immer noch mit Trudie Styler zusammen. Was zum Teufel macht eigentlich meine Mathe-Nachhilfe? Den würde ich jetzt glatt für das Kurz-Interview auf der letzten Seite des “stern” vorschlagen, damit ich endlich mal wüsste, was der in den letzten fünfzehn Jahren eigentlich so getrieben hat. Controlling? Irgendwas mit Teilchenbeschleunigern bei “Desy”?

Ab morgen höre ich mir dann wieder uralte “Kings of Convenience”-Schmusesongs von 2008 in heavy rotation an. Auch das sollte ich hier in der Hauptstadt ja öffentlich lieber nicht so laut erzählen…

Foto: Sting, 1985, Filmstill aus “Bring on the night”.