Das “kleine” Kino

The best is yet to come

“The best is yet to come”? Finde ich nicht.

Als ich diesen Spruch zum ersten Mal las, auf Facebook war das, irgendwann vor Monaten mal, ganz kurz nach der Mittagspausenzeit, da habe ich mich gefragt, was das über die nette, ehemalige Kollegin aussagt, die ihn hochgeladen hatte. Und was es über die ganzen Leute sagt, die an diesem Tag vom Mittagessen zurück an Ihre Schreibtische kehrten, diesen Spruch lasen und “Gefällt mir” klickten. Um dann vielleicht in die Kaffeeküchen zu trappeln, den Espresso-Vollautomaten anzuwerfen und sich aus der Blechdose mit den “Danish Cookies” ein paar von den Brezelkeksen mit Hagelzucker einzuwerfen.

Ich fragte mich: wartet Ihr wirklich ernsthaft alle auf etwas anderes? Auf etwas größeres? Auf einen besseren Job? Einen netteren Freund? Eine größere Wohnung? Eine kleine Adoptiv-Katze?

Das Poster beschäftigte mich noch eine Weile. Ich fragte mich: könnte nicht das hier jetzt einfach auch schon “das Beste” sein? Also genau das, was jetzt – in diesem Moment- passiert? Und wäre das so schlimm? Ich finde: wäre überhaupt nicht schlimm. Heute zum Beispiel: ich sitze in diesem Moment in meiner neuen neon-pink/weißen “GAP”-Schlafanzughose vorm Rechner, trinke meinen zweiten Kaffee für heute, es ist ein schöner Morgen im Juni, es ist warm, ich erwarte heute den Paketdienst, gerade bekam ich eine Mail, ein Paar “Soludos”-Espandrillos von Zalando befinden sich bereits im Versand, rosa Espandrillos mit Ikat-Stoff! Die habe ich bei Instagram an einem lässigen Amerikaner entdeckt. Wie es der Zufall wollte, waren sie bei Zalando gerade im Sale und jetzt kommen Sie wahrscheinlich gleich an. Klar, ich habe heute noch einen Haufen Arbeit zu tun und ob ich das alles, was ich mir für heute vorgenommen habe, schaffen werde, ist fraglich. Aber was soll´s. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Es soll also wirklich nicht ernüchert oder frustiert klingen, wenn ich hier drei Tage vor meinem 33.ten Geburtstag behaupte: “Leute, mehr isses nicht”. Aufregender wird´s nicht. “The best is yet to come” halte ich deshalb für sehr gefährlich. Der Spruch behauptet nämlich: ich warte einfach noch ein bißchen. Ich lege einfach meine Pfoten in den Schoß, draußen vorm Fenster springt eine schwarz-weiß gefleckte Katze von einem Hausdach auf´s nächste, unten klingelt gleich der Paketdienst mit meiner Zalando-Post, und dann trifft auch irgendwann noch “das Beste” ein. Heute. Morgen. Nächste Woche.

Und dabei gibt es doch wirklich nichts besseres, erleichterndes, als die Einsicht, dass es das jetzt einfach ist. Das Beste.

Deshalb muss man auch das “The best is yet to come”- Poster ganz dringend umtexten. Es muss heißen “The best – is here!” Ich weiß, klingt total bescheuert und macht sich auch grafisch auf einem Poster gar nicht gut. Ich mag den Satz “Enjoy it. Because it´s happening.” des amerikanischen Schriftstellers Steven Chbosky deshalb so sehr. (Der Satz stammt aus dem Buch “The perks of being a wallflower” – hier geht´s zum Filmtrailer mit Emma Watson….)

Der Spruch sagt nämlich: das isses jetzt! Und: wie schön, dass es das jetzt ist! Auch, wenn´s nur Alltag ist. Und ist nicht auch der oft total schön? Zum Beispiel der Alltag vor dem Kaffee-Vollautomaten mit der Brezel aus der “Danish Cookie”-Box in der Hand? Also der Alltag im Job: gerade noch eine lustige Mittagspause mit den Kollegen gehabt, jetzt zwei Stündchen was runterarbeiten, dann in ein Meeting mit dem Chef, dann raus in die Abendsonne, an der Tanke noch einen von diesen klapprigen, dreibeinigen Grills und ein 6er-Pack Würstchen einsammeln, zwei Tegernseer in die Hand und ab in den Park.

Klar, viele träumen ständig noch von etwas ganz, ganz Großem. Warum auch nicht. Könnte ja auch jederzeit noch eintreffen.

Mich hingegen beruhigt das irgendwie. Dass es das jetzt ist. Hier und heute. Weil ich es schön finde, so wie es jetzt ist. Nicht, dass ich nichts mehr erwarten würde. Das stimmt nicht ganz, ich selbst erwarte (heimlich) natürlich auch ständig noch das ganz, ganz große Kino. Aber ob das jemals eintrifft? Ob noch irgendwas eintrifft? Ist doch egal. Schlimm ist, permanent unzufrieden zu sein, weil man sich das alles irgendwann mal ganz anders vorgestellt hatte. Größer, besser, bunter, erfolgreicher. Und dabei hat man doch jeden Tag eigentlich schon so eine Art “kleines Kino”! Ein Programm-Kino. Und ist das nicht eh viel lässiger?

So. Und jetzt tausche ich meine Schlafanzughose gegen eine richtige. Und dann raus in den Juni!

Foto: Reason for living via It´s always necessary on Tumblr

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