Sommerlektüre

Max Frisch Montauk Lynn Alice

Neulich wiedergelesen: “Montauk” von Max Frisch. Worum geht´s? Sechzigjähriger Autor aus der Schweiz fährt auf eine Lesereise nach New York und verliebt sich ein kleines bißchen in die dreißig Jahre jüngere amerikanische Verlags-Assistentin Lynn (siehe Foto oben). Sie verbringen ein gemeinsames Wochenende auf Long Island, spielen viel Ping Pong, gehen spazieren. Quasseln, soweit es in der Fremdsprache möglich ist. Schweigen. Jeder hängt ein bißchen seinen Gedanken nach.

Während dieser windigen, nicht gerade schönen Tage am Strand und mit dieser völlig fremden Lynn an seiner Seite – einer Eroberung, die er gar nicht recht glauben kann – blickt der in die Jahre gekommene Frisch auf seine “großen Lieben” zurück. Er erzählt ein bißchen von seiner ersten Ehefrau, Gertrude, von drei gemeinsamen Kindern. Dann von der großen Dichterin Ingeborg Bachmann, seiner vielleicht schwierigsten Liebe. Mit ihr lebte er einige Jahre in Rom. Und schließlich berichtet er von Marianne, seiner zweiten Ehefrau, 28 Jahre jünger war die, also 23, als sie sich kennenlernten. Er damals 51. Sie Studentin für Germanistik und Romanistik, er bereits ein etablierter Autor. Der Altersunterschied, der heute schon recht “sportlich” wäre, 1962 muss er doch eigentlich ein Skandal gewesen sein. Niemals wollte diese Marianne Vorlage für seine Romane und Stücke sein. Sie hatte verboten, dass er jemals über sie schreibe. In “Montauk” macht er es dann doch. Er schildert seitenlang ihre (spätere) Affäre mit einem gemeinsamen Freund, eine Beziehung, von der er ein ganzes Jahr lang nichts bemerkt zu haben schien. Möglicherweise hat er es auch nicht so ganz genau wissen wollen. Er, der es selbst mit der Treue nicht immer unbedingt so wahnsinnig genau genommen hatte, in “Montauk” ist er fast ein bißchen sprachlos über diesen Seitensprung.

Dann weiter: viel Schweiz, Erinnerungen. Szenen aus den ersten Ehejahren, ein Besuch bei der inzwischen erwachsenen Tochter und seinem ersten Enkelkind. Eine Begegnung, die kläglicher kaum ablaufen könnte. Dann Frisch darüber, wie eigenartig es immer noch ist, Fans zu treffen. Menschen, die ausgerechnet die Stücke oder Romane verehren, die er selbst gar nicht mehr so richtig mag und auch nicht nochmal so aufschreiben würde. Er erzählt, dass es gedauert hat mit der Schriftsteller-Karriere, mit dem Erfolg. Dass es jedes Jahr ein bißchen besser wurde. Dass er, der ein Architektur-Büro gegründet und es viele Jahre geleitet hatte, als Chef nicht viel taugte und irgendwann alles einstellte, um einfach nur noch schreiben zu können. Etwas, was damals wie heute so viele beschäftigt, dieser Wunsch, irgendwann nur noch das tun zu können, was man eigentlich am allerliebsten macht. Viele, vermutlich die meisten trauen sich dann doch nicht. Manche bedauern es jahrelang, andere überhaupt nicht.

Vor zwei Wochen gab´s eine ganze “STERN”-Titelgeschichte darüber: “Ich lebe meinen Traum”. Auf dem Cover ein Foto von Jörg, Creative Director und Model, der eine ökologisch korrekte Gäste-Lodge in Brasilien aufbaut. Mit einem Windrad im Garten und zwölf Solarpanels auf dem Dach! Oder Matthias, früher Vertriebsmanager bei Microsoft, heute Wander- und Skihüttenbesitzer im Schwarzwald. An seinem Vierzigsten hatte er noch eine Riesen-Sause für Arbeitskollegen und Freunde gegeben, hinterher der Kahlschlag: Job gekündigt, Ehefrau verlassen, Skihütte des Vaters übernommen. Was vorher vorgefallen ist, bei “Microsoft” und in der Ehe und überhaupt, und wie die Ex-Frau es findet, dass die STERN-Leser im Kurzinterview zwischen den Zeilen recht genau herauslesen können, dass ihr Mann überhaupt erst von ihr wegmusste, um sein schönes, neues Skihütten-Leben zu beginnen – über die dreckigen Details erfährt man leider nichts. Schade. Aber geht uns ja alle selbstverständlich nichts an. Jeder sollte bekanntlich vor seiner eigenen Haustür kehren. Bei mir lohnt sichs dort vor lauter häßlicher Details bereits, den Staubsauger anzuwerfen. Hätte ich den STERN-Redakteuren im Falle eines spontanen Kurzinterviews alles gleich verraten? Nee. Ich bin ja nicht irre. Und gibt es nicht auch Persönlichkeitsrechte, die man ab und zu mal wahren sollte. Wobei ich ehrlich zugeben muss: nach zwei Weinschorlen und drei Erdnussflips ist es wirklich nicht schwer, mir ein paar richtig schön miese Drecks-Details aus der Nase zu ziehen. Das hätten die vom STERN an der Haustür ganz sicher auch gleich gerafft, Redakteure können sehr, sehr vertrauenserweckend auf einen einwirken. Ich kenne einige. Gefährliche Spezies!

Aber zurück zu Matthias, dem “Microsoft”-Manager, der inzwischen eine Skihütte schmeißt… Dass das hauptberufliche Besitzen von Skihütten im Schwarzwald vermutlich unfassbar viel Spaß macht (ich sag´ nur: jede Mittagspause Jausenplatte!), ist klar. Aber dass der Mann seine berufliche Sicherheit für die Berge aufgegeben hat, finde ich irre mutig. Gerade hier in Deutschland, wo man lieber schöööön bei seinen Leisten bleibt. Lieber im Büro rumsitzt und viele Jahre rumgrantelt, weil man so unzufrieden ist, mit sich, mit seiner Frau, mit dem Grill, den man gerade im Baumarkt gekauft hat und der jetzt doch irgendwie Mist ist.

Man sollte das Granteln doch lieber lassen und einfach das tun, was man wirklich gern täte. Zum Beispiel: Schriftsteller werden. Wie Max Frisch. Oder Fotograf. Oder Lodge-Besitzer. Muss ja nicht gleich Brasilien sein. Eine Öko-Lodge im Schwarzwald wäre doch auch schon was.

Das Buch: “Montauk”, Max Frisch. Suhrkamp.

Foto: Max Frisch mit “Lynn”, dessen richtiger Name eigentlich Alice Locke-Carey ist. Nach der Veröffentlichung von “Montauk” waren die zwei tatsächlich eine Weile zusammen. Foto von Sigrid Estrada.