Good news

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Ach, die Mary aus “Downton Abbey”. Recht hat sie! Was geht uns denn der schusselige Valentinstag an?

Wobei man die arme Mary heute (mit dem rosa Herzchenwahnsinn) auch echt mal in Ruhe lassen könnte. In hochgeschlossener, bodenlanger Robe  – wo ist das dunkelblaue Kleid eigentlich her? hätte ich so gern! – trauert sie um ihren verstorbenen Ehemann Matthew. Wir erinnern uns: der blondgelockte, unfassbar charmante und allzeit gut gelaunte Landadlige starb in einer spektakulären Christmas-Sonderfolge bei einem Autounfall. Lady Mary hatte gerade den ersten, gemeinsamen Sohn entbunden, die jungen Eltern hielten sich im Krankenhaus überglücklich die Hände, sie in weißem Leinenkleid, das Baby in weißem Leinenkleid, Matthew in cremefarbenem Anzug (wenn ich es recht erinnere). Dann die Werbepause. Nächste Szene: Matthew in seinem Wagen auf dem Weg vom Krankenhaus zurück nach Downton Abbey. Ein Geisterfahrer kommt in einer Kurve auf der falschen Fahrspur entgegen, Matthew muss ausweichen, das Auto überschlägt sich… Tja. Abgang Matthew.

Dies alles, liebe Fans des opulenten, britischen Kostümfilms, wohlgemerkt in der Weihnachtsfolge (!) von “Downton Abbey”. Die wird in England seit vier Staffeln traditionell am ersten oder zweiten Weihnachtstag abends zur besten Kaminzeit erstausgestrahlt. Mich würde es nicht wundern, wenn das ganze royale Königreich damals geschlossen vom Sofa geplumpst ist vor lauter Entsetzen über das Ableben des schnuckeligen Matthews. Ich selbst sah diese Folge einige Wochen später hier in Berlin, wo wir sie vom Rechner aus auf den Fernseher streamten und hätte am besagten Abend beinahe den Laptop aus dem Fenster geschmissen, so furchtbar wütend war ich über den Ausgang dieser Folge. In der Staffel zuvor war nämlich gerade erst eine meiner liebsten “Downton Abbey”-Figuren ausgeschieden. Ich verrate nicht, wer genau es war, könnte doch sein, dass jemand “Downton Abbey” noch gar nicht gesehen hat. Nur soviel:  Sie starb ebenfalls auf ganz dramatische Weise, und zwar MINUTENLANG. Das ganze Elend war eine quälende Ewigkeit lang auf der Leinwand zu sehen. Unerträglich war das, ich habe damals Rotz und Wasser geheult. Mein Freund kam an diesem Abend mit dem Tempotaschentücher rüberreichen gar nicht mehr nach und war gleichzeitig auch selbst so geschockt, dass wir hinterher zur allgemeinen Auflockerung noch eine alte Folge von “The Veep” gucken mussten, die er noch in irgendeinem Ordner auf seinem Rechner fand.

Der “Downton Abbey”-Erfinder Julian Fellowes hat sich anschließend viel Kritik vom englischen Publikum für seinen “Matthew”-Schocker am Weihnachtstag anhören müssen. Neulich erzählte mir mein Freund, auch die Amerikaner (die ganz verrückt nach Downton Abbey sind!) wären damals “SO not amused” gewesen.

In der Huffington Post laß mein Freund, dass Julian Fellowes sich damals sehr gewünscht habe, das Ausscheiden des “Matthew”-Darstellers Dan Stevens doch bitte auf die nächste Staffel verlegen zu können. Und nicht auf die Weihnachtsfolge, ausgerechnet auf die! Dass der Schauspieler Stevens aussteigen wolle, sei zwar schon länger klar gewesen. Während die Dreharbeiten zur dritten Staffel schon in vollem Gange waren, habe man dann ewig mit ihm um die Vertragsmodalitäten herumverhandelt, bis sich kurz vor Schluß herausstellte, dass man einfach nicht mehr zusammenkommen werde. Daraufhin musste “Matthew” an einem der letzten Drehtage blitzschnell aus der Serie herausgeschrieben werden.

Julian Fellowes sagt, alle Beteiligten eingeschlossen habe ihm dieser Abgang ganz sicher am allerwenigsten gefallen. Es sei einfach ein echt mieser Serienausstieg gewesen. Keine Frage. Am Ende habe dann auch ausgerechnet ER die ganze Verantwortung für die Wendung der Serie in der Öffentlichkeit tragen müssen. Um also die schöne Weihnachtsepisode für die Zuschauer nicht komplett zu ruinieren, beschloss er deshalb, das “Matthew”- Trauerspiel auf die allerletzten drei Minuten zu legen. Erst anderthalb Stunden Kostümfilm-Spektakel, dann drei Minuten Blitztrauer.

Kommt mir so ein bißchen vor wie die Erzählstrategie: “Du, ich habe Neuigkeiten für Dich, eine gute und eine schlechte. Welche willste zuerst hören? Na, ich beginne jetzt einfach mal mit der guten…” Wer mir seine News so anmoderiert, kann davon ausgehen, dass ich die ersten zwei Minuten (während der “guten” Neuigkeiten) garantiert nicht zuhöre, um mich mental schon mal auf die schlechten vorzubereiten. Ich habe irgendwann mal gelesen, dies sei uns psychologisch so einprogrammiert. Gutes und schlechtes werde zwar erst einmal getrennt voneinander völlig neutral aufgenommen, aber hinterher konzentriere man sich dann voll auf das schlechte Thema (“Du hast zwar eine Eins in Deutsch (“hurra!”), aber eine sechs in Mathe (“oops”)).  Schlechte News haben biologisch gesehen nämlich immer schon eine Gefahr dargestellt. Deshalb winkt man all die guten News im Alltag auch oft ganz schnell durch, um sich hinterher voll auf den Themenbereich “bad news” konzentrieren zu können. Ist das nicht crazy?

Woanders habe ich dazu mal gelesen, dass es in Amerika bereits einen Trend gibt, sich eine Art “Good news”-Tagebuch anzulegen. Abends vorm Schlafengehen könnte man sich demnach also ganz kurz aufschreiben, was tagsüber alles total super geklappt hat. Zum Beispiel: Projekt endlich abgeschlossen, einen unangenehmen Anruf endlich mal getätigt, einen Zahnarztbesuch klargemacht. Auch ganz wichtig: “wann hatte ich tagsüber ein Späßchen?” Zum Beispiel: mit der lustigen, neuen Kollegin, die mittags bunte Gummibänder auf unseren Schreibtisch rüberschoss, um mal ein bißchen Stimmung in die strebsame Bude zu bringen.

Diese positiven Ereignisse würden einem zum einen sehr viel besser in Erinnerung bleiben. Und zum anderen fühle man sich dann gleich viel gelassener. Man habe der oberstrengen, inneren Stimme im Hinterkopf, die uns Frauen manchmal in den Wahnsinn treibt, endlich mal was entgegenzuhalten. Kaum komme abends der Gedanke auf: “boah, bin ich eine Flachpfeife, jetzt habe ich heute schon wieder nicht bei soundso angerufen, um dasunddas nachzufragen und das hätte echt keine zwei Minuten gedauert”, könne man entgegnen: “hey, von wegen Flachpfeife! gibt nämlich sehr wohl vier andere Dinge, die  ich an diesem Tag erledigt habe… !”

Ich selbst führe das “Good news”-Tagebuch nicht. Zu faul. Aber ist es nicht gut zu wissen, dass es anderen Frauen ähnlich geht. Und dass man sich vielleicht nicht dauernd innerlich so antreiben sollte. Wegen der Vereinbarung eines Zahnarzttermins, der seit Monaten auf der To do-List steht? Hello? Sich darüber fertig zu machen, das schaffen doch auch wirklich nur wir. Also: ich, zumindest. Und habe ich den Termin jetzt inzwischen endlich mal ausgemacht? Nee. Mache ich morgen. Vielleicht.

Und wenn ich – wie neulich abends- obergemütlich in der Badewanne liege und mir in einem völlig aufgeweichten Nachrichtenmagazin den Monsterverriss auf Alice Schwarzers Steuerbetrug durchlese (also, so dicke hat die´s ja nun wirklich nicht verdient, oder?), dann ist das doch unbedingt ein Punkt für die “good news list of the day”! Also, das Geplantsche in der Badewanne. Dass meine Oberlehrerin im Hinterkopf zeitgleich zwar mit vorwurfsvollem Blick auf den riesigen Berg Buntwäsche vor der Waschmaschine zeigt, kann ich, seitdem ich vor einigen Jahren von der “Liste” laß, beinahe vollständig ausblenden. Gut, oder?

Wer ja generell auch immer etwas harsch mit sich ins Gericht geht, ist die Lady Mary aus “Downton Abbey”. Die mochte ich deshalb auch einige Staffeln lang nicht und fand ihre beiden jüngeren Schwester viel besser. Weil die einfach so viel lockerer sind. Vielleicht erinnert uns die stocksteife Mary auch ein wenig zu sehr an uns selbst. Also: an die deutsche Frau. Die hat ja manchmal auch etwas ähnlich strenges, asketisches, spaßbefreites. Kann man so pauschal natürlich nicht sagen. Na, aber ihr wisst schon… Inzwischen habe ich deshalb auch deutlich mehr Verständnis für die Mary. Die kennt sicher diese “Good news of the day”-Liste noch gar nicht. Die Arme. Und hat auch seit Matthews Ableben am heutigen “Valentine´s Day” gar keinen lovely Valentine mehr… Zwei heiße Kandidaten sind zwar seit der vorigen Staffel schon wieder im Rennen. Finde beide Jungs spitze und frage mich schon die ganze Zeit: wer wird´s wohl am Ende? Was denkt denn Ihr?

Happy Valentine´s Day!

Alle “Downton Abbey”-Folgen gibt es inzwischen bei Amazon zu bestellen… Hier geht´s zu den DVD´s!