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Schwachsinnige Streitereien

Immer, wenn ich für ein paar Tage allein zuhause bin, lasse ich mich so richtig gehen. Ich wasche meine Haare nicht mehr. Ich stelle meinen Wecker nicht mehr. Und ich schlafe so lange aus, bis man das, was ich mir im Stehen an der Arbeitsfläche in der Küche so reinschiebe, schon nicht mal mehr Frühstück nennen kann. Und weil es ja niemand mitbekommt, esse ich morgens, mittags und abends der Einfachheit halber immer dasselbe. Entweder Butterbrote mit Käse. Oder Butterbrote mit Marmelade. Oder Butterbrote mit Käse UND Marmelade. Herrlich!  Wenn mein Mann davon wüßte, er würde direkt die Scheidung einreichen, so uninspiriert, eklig und trist fände er das.

Das Allerbeste am Alleinsein ist allerdings: endlich quatscht einem keiner mehr in das Netflix-Programm. Im Ernst jetzt! So schön das Zusammenwohnen als Paar die allermeiste Zeit ist, die Tatsache, dass wir bis in alle Ewigkeit darüber abstimmen müssen, welche Filme wir abends streamen, kann auch ein echter Downer sein.

Ganz gleich, wie vorsichtig wir das Thema angehen, immer gibt es kurz Streit. Und im besten Fall enden diese Streitereien glimpflich, also damit, dass ich entscheiden darf. Oder eben damit, dass ich mich von meinem Mann  in irgendwelche Serien reinquatschen lasse, die ich zwar ursprünglich nie hatte sehen wollte, hinterher aber noch viel süchtiger bin, als er selbst.

Einige verbringen ja aus genau diesem Grund den ganzen Abend in getrennten Zimmern. Dauerhaft. Sie im Wohnzimmer vor der Glotze. Und er im Arbeitszimmer vor der Glotze. Diese Abmachung klingt im ersten Moment zwar total super. Eingeführt haben wir sie aber trotzdem noch nicht.

Vor meinem Mann würde ich es niemals zugeben, aber ich habe einfach zu viel Schiss, dass all diese Abende vor getrennten Fernsehern mir eines Tages, wenn er mit einer 21-jährigen Projektmanagerin mit “Brazilian Landing Strip”, champagnerfarbenem iPhone und dem IQ von einer Toastbrot durchbrennen sollte, noch einmal ganz schlimm vorgeworfen werden könnten.

Das kennt man ja aus der Paartherapie! Bei den meisten Dingen, die man sich hinterher auf quietschgrünen Sesseln im Beisein der Therapeutin vorwirft, wußte man vorher, also während man sie tat, eigentlich ziemlich genau, dass sie jetzt nicht so unbedingt der Bringer für die Beziehung gewesen sein können (z.B. nachts mit Socken im Bett schlafen; Geburtstagsgeschenke für ihn besorgen, von denen eigentlich eher sie profitiert; ihn dazu zwingen, fünf Paar Sneakers aus seiner Turnschuhsammlung in einen Das-Rote-Kreuz-Container zu werfen und bei seiner Rückkehr gerade auf dem Display des DHL-Mannes die Entgegennahme von zwei Zalando-Kartons zu bestätigen).

Weil mein Mann (die allermeiste Zeit) ein sehr netter und humorvoller Mensch ist, empfahl er mir vor einigen Monaten sonntags beim Frühstück ein richtig spannendes Interview mit Cecelia Ahern auf dem Podcast “An Irish Man Abroad”. Und weil ich mir nach unserer Hochzeit im letzten Sommer vorgenommen habe, (die allermeiste Zeit) eine sehr nette und humorvolle Ehefrau zu sein, höre ich mir das, was mein Mann empfiehlt, mit etwa viermonatiger Verspätung auch hin und wieder mal an.

Cecelia Ahern spricht in diesem Interview mit Jarlath Regan über die Zeit während ihres Studiums, in der sie an Panikattacken erkrankte und ihre Dubliner Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Wochenlang schloß sie sich zuhause ein. Und weil sie einfach etwas dagegen tun musste, um in ihrer kleinen Wohnung nicht verrückt zu werden, schrieb sie in nur drei Monaten ihr erstes Buch “P.S. I Love you”.

Das Interview mit Cecelia Ahern hat mich so fasziniert, dass ich gestern Abend beschloß, mir den Film “P.S. I Love You” anzusehen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich den Hauptfiguren ihre Geschichte abnehmen oder nach einer Viertelstunde mit einer angebrochenen Tüte Chips im Gesicht auf der Couch vor lauter Langeweile wegpennen würde. Aber das tat ich nicht.

Im Gegenteil! Ab Filmminute 2 habe ich nur noch durchgeheult. Der Film zeigt, wie es ist, wenn einem der Ehemann viel zu früh wegstirbt (Gerry ist in diesem Film gerade mal Anfang Dreißig). Schlimm genug, dass Gerry nun also direkt nach den ersten Filmminuten schon wieder aussteigt. Hinterher trifft ab jetzt auch noch jeden Monat ein unfaßbar schöner Brief von ihm ein. Diese Briefe, die er seiner Frau heimlich vom Krankenbett aus schrieb, bevor er verstarb, sollen ihr Monat für Monat über seinen Tod hinweghelfen.

Als der Film zuende war, schmiss ich etwa hundertvierzig vollgeschneuzten Tempotaschentücher in den Müll und wäre im Bad beim Lichtmachen beinahe selbst abgekratzt, so sehr erschrak ich darüber, wie krass “Anton-der-kleine-Vampir”-mäßig meine Wimperntusche beim Heulen im Gesicht verschmiert war.

Beim Abschminken berappelte ich mich wieder. Ich war plötzlich froh darüber, dass ich noch lebte. Und dann war ich froh darüber, dass mein Mann noch lebt. Und dann war ich plötzlich gar nicht mehr froh, weil mir in diesem Augenblick einfiel, dass ich ihn wegen so vieler Kleinigkeiten oft ganz schön anzoffe.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer schickte ich ihm ganz viele Herzchen und Emojis und bekam auch sofort ein paar Herzchen und Emojis von ihm zurück. Und dann schickte er mir Fotos aus der Kneipe (auf denen ein paar Gläser Guiness und dahinter verschwommen sein Bruder, ein guter Freund, der Barmann und keine einzige gewaxte Projektmanagerin zu sehen waren).

Ich schwor mir, mich nie mehr mit ihm über so unsinnige Dinge wie das Fernseh-Programm zu streiten. Als ich im Bett lag und die rechte Seite neben mir leer blieb, weil mein Mann gerade in einem ganz anderen Land in der Kneipe saß, da ahnte ich, dass wir die schwachsinnigen Streitereien untereinander irgendwann einmal vielleicht ganz schrecklich bereuen könnten. Mindestens so sehr, dachte ich, wie Holly sie in “P.S. I Love You” bereute. Und dann knipste ich das Licht aus.

Foto: Warner Bros. Pictures, Momentum Pictures

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