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Winter an der Nordsee

 

 

 

 

 

Stürmische Nordsee im Dezember. Zeichnung: hellopetersen

 

In ein paar Tagen düse ich mit L. an die Nordsee. L. spricht schon seit Tagen von ihrem “Dreifahrrad”, dem Dreirad, dass ihre Oma gebraucht für sie bekommen hat und das L. nach unserem letzten Besuch leider bei Oma zurücklassen musste. Ich kann’s kaum erwarten, ein paar Tage an die Seeluft zu kommen. Ich freu’ mich schon auf die Couch meiner Eltern. Auf Pralinen, Kekse, unschlagbare Kuchen. Auf die zwanzig Zentimeter hohen Torten vom Bäcker aus dem Dorf nebenan. Auf Spaziergänge im Nieselregen und auf die hausgemachten Wiener Würstchen des Landschlachters um die Ecke.

Wenn wir’s vom Sofa in die Garage meiner Eltern schaffen, fahren wir auf jeden Fall mal auf dem Husumer Weihnachtsmarkt vorbei. Der ist zwar nicht groß und auch überhaupt nicht spektakulär (zwei Glühweinstände, ein Schwenkgrill mit Nürnberger Rostbratwürstchen, ein Stand für gebrannte Mandeln und ein kleines Kinderkarusell), hat aber in seiner praktisch-pragmatischen Aufmachung unter uns Nordfriesen einfach Tradition (O-Ton meines Mannes: “So einen winzigen Markt können sich auch echt nur Protestanten in die Stadt knallen.”)

Die meiste Zeit werden wir aber sicher zuhause verbringen. L. wird mit meinen Brüdern von morgens um sieben bis in die Abenddämmerung hinein mit ihrem “Dreifahrrad” den Feldweg hinter unserem Haus unsicher machen, während ich mir mit einem Plätzchenteller auf dem Schoß von meinen Eltern, Brüdern und meiner Schwägerin haarklein alle Szenen aus der Daily-Soap berichten lasse, die in Nordfriesland in den letzten Wochen ohne mit weitergelaufen ist.

Wenige Tage vor Weihnachten werden L. und ich dann alles wieder zusammenpacken und nach Berlin zurückknattern. Im Gepäck: Würstchen vom Landmetzger, Eier aus dem Hühnerstall meines Vaters, Äpfel aus dem Garten meiner Eltern, Stollen und Weihnachtsschokolade für den grauen Restwinter in Berlin. Solltet Ihr am Berliner Hauptbahnhof an meinem Rückreisetag auf eine etwas angestresste Mutter mit einem vollkommen überfrachteten Buggy stoßen, aus dem ein Kleinkind im Schneeanzug verzweifelt nach seinem “Dreifahrrad” ruft: winkt uns mal zu, das sind dann L. und ich!

Habt eine richtig schöne Zeit bis Weihnachten.

Wieder zurück. Und nichts, wie es war.

Schwupps, hier bin ich wieder, bitte entschuldigt, hier ist EWIG nichts mehr passiert. Mir selbst kommts zwar vor, als hätte ich erst gestern den letzten Post hochgeladen. Aber ihr habt selbstverständlich recht: hier war’s in letzter Zeit mindestens so still, wie in der Kiste mit dem Weihnachtsschmuck, die wir Anfang Januar auf den Dachboden schleppen und bis Ende November komplett sich selbst und den Mäusen überlassen, die hin und wieder den Pappdeckel anheben und im besten Fall nur kurz hineinluschern.

Ich hatte unendlich viele, schöne Ideen für das Blog in den letzten anderthalb Jahren. Aber ich hab’s einfach nicht geschafft, sie hier aufzuschreiben. Im April 2018 kam unsere Tochter zur Welt. Und die Zeit, die mir hinterher noch bleib für Jobs, an denen ich Spaß hatte, für den Petersen-Shop, die Illustrationen und alles, woran ich sonst noch so herumknispeln könnte, wenn ich nicht gerade für irgendeine offizielle Stelle irgendwelche mir aus vollkommen unerklärlichen Gründen verschollene Steuerunterlagen auftreiben muss, nun, diese noch vor anderthalb Jahren gefühlt so unerschöpfliche Zeit schnurrte sich nach der Geburt unseres Babies auf maximal zwei Minuten am Tag zusammen. Gut, sagen wir drei.

Drei Minuten, eine Zeitspanne, in der ich’s nach der Entbindung gerade mal schaffte, mich ich unter die Dusche zu stellen. War ein Tag ohne Haare waschen, versteht sich. Nachdem eine Schwester des Berliner Westend-Klinikums mir an einem sonnigen und unfaßbar warmen Tag im April 2018 wenige Minuten nach Mitternacht ein winziges, knautschiges und überraschend haarloses Bündel auf das verwaschene “Woodstock”-T-Shirt legte, das mein Mann ein paar Wochen zuvor aus Amerika mitgebracht und mir aus irgendeinem Grund im Vorwehenzimmer übergezogen hatte, war alles andere auch erstmal unwichtig. Und so blieb es auch für eine lange Zeit.

Plötzlich war da dieses ganz große Glück. Die stumme Dankbarkeit. Eine unendlichen Liebe. Wenig später hielt eine Schwester meinem Mann im Kreissaal eine kleine Schere ins Gesicht. Er möge doch jetzt gern die Nabelschnur durchtrennen.

Er schaute auf die blutschleimverschmierte Kordel, die dicker, seerosenalgenartiger und etwas schleimiger war, als ich sie mir vorgestellt hatte, und scherzte noch kurz “Muss ich?”, worauf die Schwester ihn dermaßen fassungslos anstarrte, dass er sofort zur Schere griff. In diesem Moment fragte ich mich noch, ob ich wenige Wochen vor meinem achtunddreißigsten Geburtstag überhaupt alt genug sei, um die Verantwortung für ein dermaßen winziges Baby tragen zu können. Beantwortet habe ich mir diese Frage nicht mehr. Wenige Sekunden später übernahm meine Tochter die Regie. Erst über den Kreisssaal, dann über meinen Mann und mich.

Wenige Stunden, nachdem wir mit dem Baby aus dem Krankenhaus abgefahren waren und es uns zuhause gemütlich gemacht hatten, traf dann auch schon exakt das ein, was mir fast alle Mütter im Freundeskreis vorausgesagt hatten: Das Baby schrie und wir hatten keine Ahnung, wie wir das abstellen sollten.

“Wart’s ab,”, hatte eine Freundin erzählt, die drei Monate vorher ihr erstes Kind bekommen hatte, “du wirst schon froh sein, wenn du von dem zweiten oder dritten Becher des entkoffeinierten Kaffees, den du dir im Laufe des Tages in der Küche ja immer wieder hoffnungsfroh aufsetzt, wenigstens mal ein paar Schlucke getrunken hast, bevor Du den kalten Rest in die Spüle kippst.”

Andere rieten mir vor der Geburt: “Räum jetzt noch einmal alles auf. Klopp’ deine löchrigen Schlaf-T-Shirts in die Tonne. Mach’ die Steuerunterlagen für die letzten hundert Jahre fertig und gib sie vollständig (!) im Steuerbüro ab. Triff dich mit noch einmal mit allen Freunden. Und allen Bekannten. Oder triff dich mit allen, mit denen du weder befreundet noch bekannt bist, aber die du immer schon ganz gern mal kennengelernt hättest. Geh’ nochmal um Friseur. Lies noch schnell die spannendsten drei der vierzehn Bücher, die ungelesen auf deinem Nachttisch einstauben…”

Über die Ratschläge, die in einem unablässigen Strom auf mich einrauschten (und die ich selbstverständlich für vollkommen übertrieben hielt), war ich im Nachhinein unendlich dankbar.

Und das beste war: vieles schaffte ich vor L’s Geburt tatsächlich noch. Als sie zur Welt kam, hatte ich die Steuer fertig, meinen Kleiderschrank durchsortiert und alle ausgeleierten Schlüppis entsorgt. Ich war noch einmal bei meinem Lieblingsfriseur in der Sanderstrasse (schaffe ich heute leider nicht mehr) und traf mich bei dieser Gelegenheit mit Freundinnen, die in Kreuzberg wohnten (schaffe ich heute leider immer noch so viel seltener, als ich’s mir wünsche).

Ich las Bücher, die sich mit allem anderen befaßten, aber eben noch nicht mit Fragen rund ums Stillen, ums Pucken und um den kryptischen Schlafrhythmus von Säuglingen. Ich fuhr mit meinem Mann und seinen Kindern noch einmal über Weihnachten zu seiner Familie nach Irland, wo wir einen wunderbar entspannten Urlaub verbrachten und ich mir zehn Tage lang wünschte, ich könnte alle bitzeligen, alkoholhaltigen Getränke mittrinken, die mir permanent angeboten wurden.

Dreieinhalb Monate später kam unsere Tochter zur Welt. Sie wollte Milch trinken, brauchte anfangs acht frische Windeln am Tag und sie hasste ihren Stubenwagen so sehr, dass wir ihn rausschmissen.  Fortan steckten wir unsere Tochter tagein, tagaus in ihre Baby-Trage, in der sie sich ähnlich wohl zu fühlen schien, als wäre das Ding so etwas wie ihr “Wohnzimmer”. Wieviele Kilometer mein Mann und ich mit der Babytrage im Wiegeschritt durch unsere Wohnung gekreiselt und geschuckelt sind, wird wahrscheinlich das bestgehütetste Geheimnis aller Zeiten zwischen uns und unseren Wohnzimmerdielen bleiben.

Irgendwann wurde meine Tochter dann grösser. Sie hielt ein Stück Banane in den Händen und biss eigenständig davon ab, musste also weniger gestillt und auch nicht mehr ganz so oft gewickelt werden. Sie spielte plötzlich mit einer Schaufel und einem Eimer im Sand und wollte nach einem ganzen Jahr, in dem sie regelrecht babytragensüchtig war, plötzlich überhaupt nichts mehr mit dem Ding zu tun haben.

L. geht jetzt in die Kita. Sie lernt dort spanisch und sagt morgens an dem kleinen Absperrgitter, das aus dem Umkleidebereich ins Spielzimmer führt,  “Adios, Mamaaaa..”, bevor sie in ihren Filzhausschuhen hinter dem Tresen des kleinen Kaufmannsladens verschwindet.

Am meisten bewegt mich, dass unsere Tochter heute selbst eine “Mama” ist. In der Kita wiegt sie die Puppen in den Schlaf und singt dazu ein Lied, bevor sie ihre “Babies” in die beiden winzigen Holzbettchen legt. Und wenn die Babies nicht schlafen wollen, dann trägt sie sie eben im Wiegeschritt in einem winzigen Ergo-Carrier für Puppen umher (Ja, das gibt’s! Ganz im Ernst. Sieht so niedlich aus! Die Puppen-Trage hat ein Elternpaar neulich der Kita gespendet!)

In der Zeit, in der L. in der Kita ist, habe ich – zumindest für ein paar Stunden – mein früheres Leben zurück. Ich trinke meinen Kaffee wieder heiß, auch den zweiten und den dritten am Tag. Ich treffe mich wieder mit Freunden in Kreuzberg und wenn ich wollte, könnte jederzeit bei meinem Friseur in der Sanderstraße anrufen und einen Termin vereinbaren. Der letzte Kita-Virus ist jedenfalls gerade überstanden.

Der Petersen-Shop soll in den nächsten Tagen noch etwas weihnachtlicher aussehen. Und auch hier, auf dem Petersen-Blog, soll jetzt endlich wieder mehr passieren. Hab’ ich mir jedenfalls fest vorgenommen. Also: Drückt mir die Daumen. Die Sternchen stehen ja irgendwie ganz gut, was meint Ihr?

Berliner Partythemen

Neulich saß ich mit einer Schachtel “After Eight” auf dem Schoß vor dem Rechner und las ich mich durch ein paar Blogs, als mir auffiel, dass auf einem gar nichts mehr passierte. Ich überflog den letzten Eintrag und stellte fest, dass er aus dem September stammte.

Einige von uns erinnern sich vielleicht: das war der Monat, in dem draußen noch die Sonne schien und es selbst an bewölkteren Tagen noch möglich war, sich mit einer richtig guten Freundin und zwei Stücken „New York Cheesecake“ von Barcomi’s auf den Balkon zu setzen.

Genialerweise musste die Freundin einem damals beim Kuchenessen auch noch nicht mit einer funzeligen Taschenlampe auf den Teller leuchten, damit nicht so viel von der Gabel flutschte und runter auf die Straße flog.

Ach, ist das alles lang’ her! Ich las noch ein bißchen auf dem Blog herum, auf dem seither nichts mehr passiert war und fragte mich, ob man sich um die Bloggerin vielleicht sorgen müsse. Sofort steigerte ich mich in ein furchtbares Szenario hinein, das Probleme mit ihrem Freund oder Mann einschloß und den erneuten Wechsel einer Führungskraft im Büro, obwohl die Bloggerin sich doch möglicherweise gerade erst mit ihrer vollkommen geistesgestörten Vorgesetzten arrangiert hatte.

Und wenn es nicht an Beziehungsproblemen oder Terror im Büro liegen konnte, dann doch wohl nur daran, so bildete ich mir ein, dass die Bloggerin innerhalb von drei Monaten aus ihrer Wohnung ausziehen musste.

In anderen deutschen Städten mag es ja durchaus noch Leute geben, die den Verlust ihrer Wohnung yogimäßig gelassen und mit Würde ertragen. In Berlin bleibt einem nach einer Kündigung durch den Vermieter eigentlich nichts anderes übrig, als sich morgens um halb zehn drei doppelte Korn in die Rübe zu kippen und im Anschluß hysterisch schreiend die Torstraße rauf- und runterzurennen.

Mag also sein, dass es den Betroffenen in anderen Städten besser gelingt, sich einzureden, dass es eh mal wieder Zeit war für etwas Neues. Einen neuen Stadtteil, neue Fahrtwege ins Büro oder so. Ein neuer Arbeitsweg stellt auch für die Berliner gar kein Problem dar. Alle mir bekannten Menschen, die in Berlin leben, arbeiten in der Kreativ-Branche und sind mental durchaus in der Lage, sich innerhalb von Nanosekunden auf neue Lebensumstände einzustellen. Wer es gewohnt ist, von morgens bis abends alles in die Tonne zu kloppen, was am Tag zuvor noch mit dem Chef, dem Kunden oder dem Menschen, mit dem man zusammen ist, ganz fest so abgesprochen war, sollte eigentlich wirklich nicht daran verzweifeln, dass er demnächst umziehen muss.

Die positive Grundeinstellung meiner Berliner Freunde hält in letzter Zeit allerdings immer nur so lange an, bis sie bei Immoscout “Berlin”, “Wohnung” und “bis maximal 3000 Euro” eingegeben haben. Die  fünf-sechs mickrigen Buden in den äußersten Berliner Randbezirken, die einem im Anschluss auf dem Monitor entgegenflackern, sind nichts für sensible Kreativseelen, die sich morgens vor dem selbstgeschroteten Müsli schon gleich von einer kleinen, bierseligen Schreierei in der Nachbarwohnung den Tag verderben lassen, habe ich mir sagen lassen.

Vielleicht übertreibe ich jetzt auch ein bißchen, aber mittlerweile scheint es schon so zu sein, als werfe der unfreiwillige Verlust der Wohnung einen hier in Berlin in eine schlimmere Lebenskrise, als ein fremdgehender Ehemann oder eine Führungskraft, die einem mikrowellenschwere Aktenordner hinterher schmeißt, weil man es gewagt hatte, vor 22.30 Uhr das Büro zu verlassen.

Nicht, dass ich es statistisch belegen könnte, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass neunundneunzig Prozent der Menschen, die in Berlin zur Miete leben, sich tatsächlich lieber nach einem neuen Partner oder einem neuen, noch durchgeknallteren Arbeitgeber umsehen würden, als nach einer neuen Wohnung.

Das ist zwar – wie gesagt – nur ein vollkommen subjektiver Eindruck. Wer es gern etwas genauer wissen möchte, muss sich am kommenden Wochenende allerdings nur mal auf zwei Mitte-Parties stellen, den Schlechte-Laune-Satz „Meine total nette Ernährungsberaterin muss dringend umziehen, hat jemand in letzter Zeit vielleicht mal was von einer bezahlbaren 3-Zimmer-Wohnung mit Wanne und Balkon in den üblichen Stadtteilen gehört?“ in die Runde werfen und ein Aufnahmegerät auf die Fensterbank legen. Jeder, der noch ganz bei Trost ist, entfernt sich jetzt in seinem eigenen Interesse sofort von seinem Aufnahmegerät und begibt sich zu der lustigen Gruppe in die Küche, die wahrscheinlich gerade das Berliner Party-Thema Nr.2 „Wie überlebe ich in einer polyamourösen Beziehung, ohne mich vor lauter Selbstzweifeln ständig in die Spree zu werfen“ am Wickel hat.

Könnte es also nicht tatsächlich sein, dass die Bloggerin seit September nicht mehr schreibt, weil sie aus ihrer Berliner Wohnung herausgeflogen ist? Vielleicht überlegt sie jetzt, ob es unter den gegebenen Umständen nicht vielleicht sogar leichter wäre, sich eine neue Existenz in einem ganz anderen Land aufzubauen.

Das könnte ich vollkommen nachvollziehen! Warum muss man sich in Berlin-Mitte von einem unverfrorenen Makler, der schlecht angezogen ist und aus dem Mund riecht, bei der Wohnungsbesichtigung alle zweieinhalb Sekunden auf den Arsch glotzen lassen, wenn man dasselbe doch auch in Buenos Aires, Honululu oder Kho Samui haben kann? Und dort steht man doch dann wenigstens in einer leeren Wohnung oder Hütte in Buenos Aires (!), Honululu (!) oder Kho Samui (!) herum und könnte sich in diesem Moment also wenigstens einbilden, das Ekel-Treffen mit dem Makler sei ein weiterer, nötiger Schritt zu einem ganz sagenhaft aufregenden Leben, das jetzt nur noch darauf warte, begonnen zu werden. Ein Gedanke, der sich einem nach einer Wohnungsbesichtigung in Berlin-Marzahn ja zur Zeit leider nicht unbedingt aufdrängt.

Wenn die Bloggerin jetzt also tatsächlich umziehen muss, weil der Eigentümer in ihrer bezahlbaren und unfassbar zentral gelegenen Wohnung eine schauspielernde Tochter aus dritter Ehe unterbringen will, dann wäre das schon ein mittelschweres Desaster.

Wahrscheinlich darf diese schauspielernde Tochter, die seit ihrer Entbindung daran gewöhnt ist, dass man ihr alles hinterherträgt, im Kiel-„Tatort“ als Komparsin ab und zu hinten links im Bild herumstehen und mit griesgrämiger Miene irgendwelche Papiere zusammentackern. Neulich habe ich gelesen, dass eine triste Bürosituation wie diese in TV-Krimis immer dann eingebaut wird, wenn der Regisseur ein bißchen deprimierenden Alltag auf dem Kommissariat zeigen möchte, damit einem in der nachfolgenden Szene erst recht das Blut in den Adern gefriert.

Nach der Szene auf dem vollgemüllten Depri-Polizeirevier kommt doch dann oft der gruselige Moment, in dem einen vor lauter Schreck darüber, dass der Täter schon wieder dem nächsten, ahnungslosen Opfer hinterherschleicht, die brandneuen und arschteuren Kontaktlinsen aus den Augen springen. Den glibschigen Dingern kann man von der Couch aus jetzt aber wenigstens dabei zusehen, wie sie sich die Ohren zuhalten, ins Bad schleichen, ohne Kreischerei Zähne putzen, sich freiwillig in ihre Reinigungslösung legen und noch ein bißchen in ihren Asterix-Comics blättern, während das nächste Mordopfer im Fernsehen jetzt garantiert bei Dämmerung mit einem schrottigen Fahrrad ohne Licht durch ein aberwitzig weit abgelegenes Waldstück zu seiner Oma fährt.

Ich wollte das Browserfenster gerade schließen, als ich bemerkte, dass es sich um mein eigenes Blog handelte, auf dem seit September nichts mehr passiert war. Ich ging in die Küche, warf die leeren „After Eight“-Papierkuverts in den Müll und beschloß, im neuen Jahr, das ja jetzt vor der Tür steht, wieder öfters zu bloggen. So lange ich noch eine Wohnung habe, aus der mich auch gerade keine Tatort-Komparsin herausscheucht, sollte ich die Zeit doch noch nutzen! Wer weiß, vielleicht muss ich am Ende sogar das Land verlassen. Und wie es auf der anderen Seite der Erde um die Internet-Verbindung in meiner Hütte bestellt wäre, kann ich gerade noch nicht so richtig einschätzen.